Expressionistische Literatur für den DaF-Unterricht sprachlich und inter­kul­turell aufbereiten  

Professor Adjunto Dr. Volker Jaeckel  UFMG -FALE                   volkerjae@yahoo.de
Zusammenfassung: Im vorliegenden Beitrag wird die Gedichtinterpresation als eine Form interkultureller Auf­be­reitung expres­sio­nistischer Großstadtlyrik in Ergänzung zur sprachlichen Erklärung prä­sen­­tiert, um so ausländischen Lernern in einem deutsch­land­fernen Kontext einerseits einen besseren Textzugang zu ermöglichen, andererseits aber auch landeskundliches und historisches Wissen über Deutschland im beginnenden Zeitalter der Moderne zu vermitteln.
Stichwörter: Expressionismus, Lyrik, Stadt, Literatur im DaF-Unterricht, interkulturelles Lernen.

  1. Über den Einsatz von literarischen Texten im Fremdsprachenunterricht

 

Literarische Texte bieten Zugang zu einer fremden Kultur und zu verschiedenen Perspek­tiven dieser Kultur. Literarische Texte bilden Wirklichkeit nicht einfach ab, sondern sie ha­ben ihre eigenen Mechanismen, um Geschichten zu erzählen, sie verfremden Wirklich­kei­ten, korrigieren Klischees und machen den Leser neugierig, um mehr über ein frem­­des Land zu erfahren. Sie betrachten Sachverhalte immer von einem bestimmten Stand­­punkt aus und haben somit einen anderen Zugang als Zeitungstexte und „objek­tive“ Berichte oder Reportagen (BISCHOF/ KESSLING/ KRECHEL 2001: 16).
Literarische Texte enthalten vielfältige landeskundliche Informationen, so z. B. bei Alfred Döblin über das Berlin der 20er Jahre, die Großstadt und ihre sozialen Gegebenheiten oder bei Günther Grass und Heinrich Böll über den Zweiten Weltkrieg und die frühe Nach­kriegs­zeit in Deutschland.
Literarische Texte setzen aber auch ein landeskundliches Hintergrundwissen voraus, über das nicht jeder Leser verfügt, so dass er sich dieses Wissen aus anderen Quellen aneignen muss. Dies ist der Fall beim Einsatz von literarischen Texten im DaF-Unterricht, da die aus­län­dischen Deutschlerner, vor allem im außereuropäischen Ausland, nicht dieselben Vor­aus­setzungen für die Rezeption von deutscher Literatur mitbringen wie deutsche Schüler und Studenten.
Ein wichtiger Schritt im Hinblick auf die Arbeit mit literarischen Texten im DaF-Unterricht war die Entdeckung des Lesers durch die Rezeptionsästhetik in den siebziger Jahren. Die Hin­wen­dung zum Leser geht von der Annahme aus, dass ein Text von Leser zu Leser unter­­schiedliche Rezeptionen erhält, anders gelesen wird und auch bei demselben Leser sich die Rezep­tion im Laufe der Zeit verändern kann.
Litera­rische Texte lassen vieles offen, im unklaren und sind mehrdeutig, sie wollen den Le­ser irritieren oder provozieren. Somit ist das Verstehen literarischer Texte eine Art schritt­weise Annäherung an fremde Perspektiven. Die Leser nähern sich den Texten und der ihnen zu­grun­de liegenden Realität vor dem Hintergrund ihrer eigenen kulturell geprägten Erfah­rungen und Lebensweisen an, was den besonderen Reiz der Arbeit mit Literatur letzt­lich ausmacht (BISCHOF/ KESSLING/ KRECHEL 2001: 20).
Bei der Arbeit mit fremdsprachlicher Literatur sind u.a. zu berücksichtigen: die Verstehens- und Kompetenzstufen, das Vorwissen, die Anknüpfungsmöglichkeiten an die Erfah­rungs­welt der Lerner, die Bestimmung von Lehr- und Lernzielen sowie der Grad der Ausei­n­an­der­­setzung, den die Lesetexte ermöglichen (EHLERS 2001: 22).
Insbesondere in den Texten der expressionistischen Großstadtlyrik finden die Dozenten diese Herausforderungen des Verständlichmachens einer für brasilianische Lerner unbe­kannten Wirklichkeit, die des Zeitalters der Industrialisierung zu Beginn des 20. Jahr­hunderts mit ihren weitreichenden ökonomischen und sozialen Umwälzungen in der deutschen Gesellschaft des Kaiserreichs.

  1. Der Expressionismus als literarische Bewegung

Den frühesten schriftlichen Beleg für die Begriffsverwendung findet man im Katalog der XXII. Ausstellung der Berliner Secession, die im April 1911 eröffnet wird. Auch in der Berliner Zeitschrift Der Sturm, in der die Ausstellung im Juli 1911 besprochen wird, er­wähnt der Lyriker Herwarth Walden diesen Begriff  (ANZ 2002: 3). Was die Literatur be­trifft, so wurde er auf die Mitglieder des Neuen Clubs und des 1911 daraus hervor­ge­gangenen Neopathetischen Cabaretts, angewandt, wo u.a. Ernst Blass, Jakob van Hoddis und Georg Heym lasen. Beide gelten als Keimzellen der expressionistischen Literatur in Deutsch­land (ANZ 2002: 5). Die erste Monographie, die diesen Begriff im Titel verwendet, erschien 1914.
Das sogenannte expressionistische Jahrzehnt von 1910 bis 1920 war gekennzeichnet durch die Gleichzeitigkeit des Ungleichen, da in dieser Zeit Dichter wie Hauptmann, Heinrich und Thomas Mann, Hofmannsthal, Rilke, Hesse und George zu den dominierenden Schrift­stellern  zählten.
Anz bevorzugt den Begriff expressionistische Moderne „und konzipiert damit den Expres­sio­nismus als deutschsprachige Erscheinung der europäischen Moderne im zweiten Jahr­zehnt.“ (ANZ 2002: 10). Da die literarische Moderne ein Phänomen der modernen Groß­städte ist, soll an dieser Stelle auch der Schwerpunkt auf der Arbeit mit expressionistischer Groß­­stadtliteratur liegen. Es ist auch nicht zufällig, dass der Begriff der Moderne von Berlin aus seinen Ausgang nimmt, und dann zu einem Merkmal der deutschen Literatur­geschichte des 20. Jahrhunderts wird.
Kennzeichnend für die expressionistische Lyrik ist die dissoziierte Wahrnehmung in der Groß­stadt und der für den Frühexpressionismus so typische Reihungsstil. Die in diesem Stil zu Tage tretende Dialektik macht deutlich, dass „die vom Subjekt gesetzte, aber ihm ent­fremdete Wirklichkeit in ihrer Diffusität zersetzend auf das Wahrnehmungsich einwirkt, dieses dissoziiert, um so auch die im Wahrnehmungsakt gegebene Objektwelt zu dissoziieren“. (VIETTA/ KEMPER 1997: 39).
Auch in Döblins expressionistischem Roman Berlin Alexanderplatz von 1929 handelt es sich bei der Montagetechnik formal um eine weitgehende Auflösung kontinuierlicher Hand­lungsentwicklung, so dass der Reihung von Bildern in der expressionistischen Lyrik hier der Reihung von Szenen, Episoden, Reflexionen und Assoziationen entspricht, die oft­mals nur noch locker miteinander verbunden sind (VIETTA/ KEMPER 1997: 40).

  1. Expressionistische Lyrik und Großstadt

Die expressionistische Großstadtlyrik stellt in mehrfacher Hinsicht den Motor für eine dialek­tische Dynamik von Zerstörung und Erneuerung dar: In der Großstadt erkannten die expres­sionistischen Dichter sowohl die Schatten- als auch die Glanzseiten der Modernität. Die negativen Folgen der Industrialisierung traten um 1910 immer deutlicher zu Tage: Soziales Elend, Verarmung, Wohnungsnot, Anonymität, Alkohol- und Drogenkonsum sind die negativen Folgen des rapiden Urbanisierungsprozesses um die Jahrhundertwende. Die Groß­stadt präsentiert sich als ein Raum der Gleichzeitigkeit von Laszivität und Morbität, von Vitalismus und Dekadenz. Sehr viele expressionistische Gedichte wur­den durch die teils anziehenden, teils aber auch sehr abstoßenden Facetten der Metropole Berlin angeregt.
Die bürgerliche Welt erscheint den Expressionisten öde und ausgeschöpft, da das Streben nach Besitz und Gewinn für sie keinen Sinn macht. Die Stimmung des Expressionismus führt zu einer Auflösung der überkommenen Werte und Traditionen. Eine solche Katastro­phenstimmung liegt auch der Großstadterfahrung zugrunde, die in zahlreichen Ge­dichten ihren Ausdruck findet: Es handelt sich um Gefühle wie Abscheu, Überdruss und Langeweile hinsichtlich der be­ste­henden Welt, die mit Ironie, Sarkasmus und Aggressivität einhergehen und sich in neuen Vi­si­onen und Wahrnehmungsformen artikulieren, wie wir in den folgenden Bei­spielen sehen werden.
Alfred Wolfenstein wurde am 28. Dezember 1888 in Halle a. S. geboren. Seine Familie siedelte 1901 nach Berlin über, wo er zum Dr. jur promovierte und als freier Schriftsteller lebte. 1916 heiratete er Henriette Hardenberg und lebte bis 1922 in München, dann wieder in Berlin. 1933 flüchtete er zunächst nach Prag, 1939 nach Paris. Er wurde 1940 von der Gestapo gefasst und war drei Monate lang gefangen. Danach versteckte er sich in Bauern­hütten und Ställen bis zur Befreiung von Paris 1944. Zu diesem Zeitpunkt war er schwer herz­leidend und depressiv. Am 22. Januar 1945 nahm sich Wolfenstein das Leben.
Städter (1913)
Nah wie Löcher eines Siebes stehn
Fenster nebeneinander, drängend fassen
Häuser sich so dicht an, dass die Straßen
Grau geschwollen wie Gewürgte sehn.

Ineinander dicht hineingehakt
Sitzen in den Trams die zwei Fassaden
Leute, wo die Blicke eng ausladen
Und Begierde ineinander ragt.

Unsre Wände sind so dünn wie Haut,
Daß ein jeder teilnimmt, wenn ich weine,
Flüstern dringt hinüber wie Gegröhle

Und wie stumm in abgeschlossner Höhle
Unberührt und ungeschaut
Steht doch jeder fern und fühlt sich: alleine. (PINTHUS 2006: 45-46)

Das Gedicht ist in der traditionellen Form des Sonetts geschrieben, die wir häufig bei den Ex­pres­sio­nisten finden. Die beiden Quartette heben sich auch durch eine inhaltliche Zäsur von den Terzetten ab, da die beiden ersten Strophen die geballte Situation der Großstadt und ihrer Bewohner beschreiben. Demgegenüber stehen die persönlichen Leidens­erfahrungen des lyrischen Ichs in den Versen 9-14.
Typisch expressionistisch ist hier die Personifikation von Objekten (Fenster, Häuser, Straßen), während die Menschen verdinglicht werden. In der ersten Strophe finden sich meh­rere Enjambements, die den Lesefluss beschleunigen. Zum Ende des Textes hin nehmen diese ab, was zu einer Verlangsamung des Leseflusses führt, der schließlich auch mit einem resig­nierenden Grundton einhergeht.
Der Vergleich in der ersten Zeile beschreibt die gedrängte Wohnsituation in den Miets­kasernen in Berlin sowie anderen Großstädten bildlich sehr treffend und erweckt den Ein­druck der Enge in der Stadt, in der es scheinbar keinen Freiraum mehr für den Men­schen gibt. Um diese Wirkung zu verstärken, verwendet Wolfenstein die Alliteration: „Grau ge­schwollen wie Gewürgte“. Die Personifizierung von urbanen Phänomenen (Häuser, Straßen, Fernster) bewirkt eine groteske, unheimliche und beengende Wahrnehmung des Lebens­raumes der großen Stadt.
Die beengende Atmosphäre setzt sich ebenso in der Tram fort, was den Eindruck des Platz­mangels verstärkt. Die Städter sitzen nicht nebeneinander, sondern ineinander dicht ver­hakt, was eine Anspielung auf die Enge in den modernen Verkehrsmitteln in den Metro­polen darstellt. Wolfenstein spielt hier zweifelsohne auf die Abgestumpftheit in den flüch­tigen Begegnungen der Großstädter an, die Georg Simmel als Blasiertheit bezeichnet hat. Die Fahrgäste sind nur äußerlich anwesend, aber sie zeigen keinerlei Gefühle, wirken kalt, leb­los und oberflächlich. Es entsteht weder eine Kommunikation noch ein sozialer Aus­tausch zwi­schen den Menschen in den öffentlichen Transportmitteln, sondern es kommt nur zu einem Taxie­ren und Mustern.
Obwohl die Menschen dicht beieinander leben, sind sie einsam, da es nur wenige und ober­fläch­liche Kontaktmöglichkeiten gibt. Wolfenstein betont die Einsamkeit der Städter, indem er am Ende des letzen Satzes „Steht doch jeder fern und fühlt sich: alleine...“ einen Doppel­punkt verwendet und somit das am Schluss stehende Wort „alleine“ noch einmal beson­ders absetzt. Somit wird auch ein paradoxer Gegensatz zu der Enge aufgebaut, der das ganze Gedicht beherrscht. Es wird der Eindruck vermittelt, dass der Großstadtmensch in der Menge einfach untergeht und keine Chance mehr hat, menschliche Kontakte zu entwickeln. In der Lyrik von Wolfenstein geht es weniger um die Entfremdung des Menschen von der Um­welt, wie dies in „Der Gott der Stadt“ von Georg Heym der Fall ist, sondern vielmehr um die Entfremdung der Stadtbewohner untereinander. Der Stadt wird eine zerstörerische Wir­kung auf den Menschen zugesprochen, da sie sich zwar hautnah begegnen, aber ihr Leben aufgrund der Kontaktunfähigkeit zugleich von extremer Einsamkeit geprägt ist.
Georg Heym wurde 1887 im schlesischen Hirschberg geboren, Im Jahre 1900 zog Georg Heym mit seiner Familie nach Berlin. Mit dem Umzug vollzog die Familie eine Ver­änderung, die zur damaligen Zeit sehr typisch war für eine ganze Generation, die sich vom Land in die Millionenstadt Berlin bewegte. Nach dem Abitur, das er 1907 in Neuruppin ablegte,1wählte er Würzburg als Studienort für sein Jurastudium, bis er sich im Winter­semester 1908/09 an der Berliner Friedrich Wilhelm Universität einschrieb. Er fand Zugang zum Neopathetischen Cabaret, das ihm zum ersten Mal Gelegenheit verschafft, ei­nem größeren Publikum seine Dichtung zu präsentieren. Er starb 1912 beim Schlitt­schuh­laufen auf der Havel.
Die Problematik seiner Beziehung zum Vater wird in folgendem Zitat deutlich: „Ich wäre einer der größten Dichter geworden, wenn ich nicht einen so schweinernen Vater gehabt hätte. In einer Zeit, wo mir verständige Pflege nötig war, musste ich alle Kraft aufwenden, um diesen Schuft von mir fern zu halten.“2 Diese Äußerungen können vor dem historischen Hinter­­grund als Ausdruck eines Genera­tionenkonflikts gedeutet wer­den, der nicht nur ty­pisch für die expressionistischen Dichter, sondern so­gleich einer der wich­tigsten Motiva­tionsgründe für ihr Schaffen war: Rebellion gegen die Gene­ra­tion der Väter. Fragoso sammelt in ihrer Arbeit eine ansehnliche Zahl von Aus­drücken Heyms, die seinen Hass und seine Ablehnung gegenüber den Einrichtungen des Staa­tes und seiner Jus­tiz zum Ausdruck bringen (FRAGOSO 2004: 68).
Der Gott der Stadt (1910)
Auf einem Häuserblocke sitzt er breit
Die Winde lagern schwarz um seine Stirn.
Er schaut voll Wut, wo fern in Einsamkeit.
Die letzten Häuser in das Land verirrn.

Vom Abend glänzt der rote Bauch dem Baal,
Die großen Städte knien um ihn her.
Der Kirchenglocken ungeheure Zahl
Wogt auf zu ihm aus schwarzer Türme Meer.

Wie Korybanten-Tanz dröhnt die Musik
Der Millionen durch die Straßen laut.
Der Schlote Rauch, die Wolken der Fabrik
Ziehn auf zu ihm, wie Duft dem Weihrauch blaut.

Das Wetter schwelt in seinen Augenbrauen.
Der dunkle Abend wird in Nacht betäubt.
Die Stürme flattern, die wie Geier schauen
Von seinem Haupthaar, das im Zorne sträubt.

Er streckt in Dunkel seine Fleischerfaust.
Er schüttelt sie, Ein Meer von Feuer jagt
Durch eine Straße. Und der Glutqualm braust
Und frißt sie auf, bis spät der Morgen tagt (PINTHUS 2006: 42-43).

„Der Gott der Stadt“ von Georg Heym ist sein bekanntestes Gedicht, was daran liegt, dass in kaum einem anderen Gedicht das Leben in der großen Stadt so trefflich aus der Sicht­weise der jungen expressionistischen Dich­­ter dargestellt wird. Um diese Poesie richtig er­fas­sen und interpretieren zu können, muss zunächst die Bedeutung des Gottes „Baal“ geklärt werden. Es handelt sich um den Frucht­­barkeits- und Wettergott in Kanaan. Sowohl in der jüdischen wie in der christlichen Religion wird Baal als heidnischer Gott oder Götze angesehen. In diesem Gedicht ist zu sehen, dass die Menschen einem falschen Gott huldigen, der jähzornig ist und sich trotz der Huldi­gungen in Form von Korybanten-Tänzen nicht beschwichtigen lässt und seine Unter­tanen bestraft.
Die Personifikation der großen Städte zu lebendigen Wesen entspricht der Mythisierung der Stadt zu einem Gott, es erfolgt also eine Verdichtung des Wesens der Stadt. Heym bezieht hiermit kritisch Stellung zur Großstadt, da die Menschen für die Verehrung eines Götzen­bildes büßen müssen. Hauptkritikpunkte sind die Zerstörung der Natur, der Lärm, die Unruhe, der Verkehr und das Phänomen Masse. Die Großstadt erzeugt umwelt­schädliche Abgase, die mit den Farben schwarz und rot assoziiert werden.
Ein­zelne Häuser, die außerhalb der Stadt gelegen sind, können sich dem Machteinfluss Baals entziehen, da dort die Natur noch in Einklang mit dem Menschen steht. Eine Art von „Natur­­vergewaltigung“ durch die Großstadt und ihre Bauten stellt gleichsam den Ursprung für die Zivilisationskritik der Expressionisten dar und findet zuweilen ihren Ausdruck in apoka­lyptischen Weltuntergangsszenarien wie hier im Feuersturm (ab Zeile 17).
Tradi­tionelle Mythen werden bei Georg Heym umfunktioniert, indem die Gewalt der Bildkraft ein­gesetzt wird, um die Macht der modernen Technologie und Zivilisation vor Augen zu füh­ren. Im Gedicht „Gott der Stadt“ entspricht der Übergewalt des dämonischen Gottes die Orien­tierungs- und Hilflosigkeit der Stadt, wo sich die Häuser verirren (VIETTA/ KEMPER 1997: 53-54).
Die dämonisierenden Metaphern in Heyms Werk sind Ausdruck der zunehmenden Ent­fremdung von Natur und Mensch. Es geht in diesem Gedicht um das Wesen der Stadt, nicht um Gott. Heym stellt die Menschen als tanzende Menge dar, die ununterbrochen in Bewe­gung ist, eine Masse die dem schnöden Mammon (Geld) opfert, steht für die Millionen Be­woh­ner Berlins, der Abend für den Weltuntergang, der Morgen für den Wiederanfang und die Neuschöpfung. Der rote Bauch Baals repräsentiert die Industrie, die Schlote und das künst­liche Feuer, schwarz die Düsterkeit und den Dämon. Blau/grau hat die Be­deu­tung von Weih­rauch. Insgesamt vermittelt das Gedicht ein Gefühl des Schrecklichen, von Unbehagen, Apo­ka­lypse und Weltuntergangsstimmung.
Paul Boldt wurde 1885 in Christfelde (Westpreußen) geboren, studierte in München, Marburg und Berlin Philologie. 1912 brach er sein Studium ab und veröffentlichte Gedichte mit wachsendem Erfolg in der lite­ra­risch-politischen Zeitschrift Die Aktion. 1914 wurde sein ein­ziger Gedichtband Junge Pferde! Junge Pferde! publiziert. Er war Soldat im Ersten Welt­krieg, wurde aber 1916 wegen geistiger Verwirrung entlassen und starb im Jahre 1921 in Frei­burg nach einer Operation an Embolie.
Auf der Terrasse des Café Josty (1912)
Der Potsdamer Platz in ewigem Gebrüll
Vergletschert alle hallenden Lawinen
Der Straßentrakte: Trams auf Eisenschienen,
Automobile und den Menschenmüll

Die Menschen rinnen über den Asphalt,
Ameisenemsig, wie Eidechsen flink.
Stirne und Hände, von Gedanken blink,
Schwimmen wie Sonnelicht durch dunklen Wald.

Nachtregen hüllt den Platz in eine Höhle,
Wie Fledermäuse, weiß, mit Flügeln schlagen
Und lila Quellen liegen – bunte Öle;

Die mehren sich, zerschnitten von den Wagen-
Aufspritzt Berlin, des Tages glänzend Nest,
Vom Rauch der Nacht wie Eiter einer Pest (SCHUTTE/ SPRENGEL 1993: 328-330).

Nach BERNEBURG (2003) fehlt den Dichtern des Expressionismus noch vielfach das rich­­tige Wortmaterial zur Beschreibung der neuen Großstadtrealität. Im Gedicht von Boldt wird aber ganz bewusst auf Naturmetaphern zurückgegriffen, da somit die Stadtlandsschaft am Potsdamer Platz als eine Art zweite Natur dargestellt wird.
Der Mensch kann diese Ersatznatur weder beherrschen noch begreifen. Boldt fasst alle nega­­tiven Erscheinungen der Großstadtlebens in diesem Gedicht zusammen und präsentiert so das urbane Szenario als überwältigendes Naturschauspiel mit: „ewigem Gebrüll“ (V1), „ver­glet­scherten Lawinen“ (V. 2). Die Menschen werden mit Insekten und Reptilien ver­glichen, aber auch als Menschenmüll bezeichnet, was ihre Bedeutungslosigkeit unter­streichen soll. Der Mensch existiert nur noch in der Masse, in der er ohne Bewusstsein vor sich hin­treibt. Die Bewohner sind der Stadt machtlos ausgeliefert (BERNEBURG 2003). Für Boldt wie für die meisten Expressionisten bedeutet die Zivilisation der Großstadt Untergang und Deka­denz. Mit Hilfe von Metaphern werden der Verkehr, die Lichter und die Stadt per­sonalisiert. Diese Verdinglichung des Subjekts ist der lyrische Ausdruck des von Simmel beschriebenen Überwucherns.

  1. Fazit

Mit Hilfe des vor allem im Internet reichlich vorhandenen audiovisuellen Materials gelingt eine adäquate Auf­berei­tung der expressionistischen Großstadtlyrik für den DaF-Unterricht fern des Ziel­sprachenlandes, wobei insbesondere der Illustration durch die expres­sio­nistische Kunst große Bedeutung zukommt. Die ausländischen Deutschlerner können sich den fehlenden his­torischen bzw. landeskundlichen Hintergrund aneignen und danach nicht nur bei der Bearbeitung der Gedichte einsetzen. Photographien sowie Bilder aus der dama­ligen Zeit sind die wichtigsten visuellen Hilfsmittel.
Die vorherrschend negative Sichtweise der Großstadt muss erklärt und kontrastiv zur Tech­nik­­begeisterung anderer Avantgardebewegungen wie den italienischen Futuristen oder auch den brasilianischen Modernisten bewertet werden. Bei einem interkulturellen Vergleich zwi­­schen Deutschland und Brasilien ließe sich herausstellen, dass die Notwendigkeit zur Be­­wun­derung der Moderne und ihrer Errungenschaften im expressionistischen Deutschland nicht in derselben Form gegeben war wie beispielsweise in São Paulo zu Beginn der zwanziger Jahren, das sich einer ständigen Konkurrenz zur Hauptstadt Rio de Janeiro ausgesetzt sah und gerne mit den euro­päischen Metropolen verglichen wurde.

  1. Bibliographie

 

ANZ. T., Literatur des Expressionismus, Stuttgart, Weimar: Metzler 2002.

BERNEBURG, T., Und immer wieder steinern dampft Berlin. Berlin in der Lyrik des Expres­sionismus, Magisterarbeit Humboldt Universität zu Berlin 2003. http://www.berneburg.de/berlinlyrik (18.06. 2007).

BISCHOF, M./ KESSLING, V./ KRECHEL, R., Landeskunde und Literaturdidaktik, Fern­studieneinheit 3, Berlin, München 2001.

EHLERS, S., Lesen als Verstehen. Zum Verstehen fremdsprachlicher literarischer Texte und zu ihrer Didaktik, Fernstudieneinheit 2, Berlin, München: Langenscheidt 2001.

FRAGOSO, M. G. C., A viagem mítica na lírica de Georg Heym, Coimbra: Fundação Calouste Gubelkian  2004.

HEYM, G., Werke, hrsg. von Günter Mertens, Stuttgart: Philipp Reclam 2006.

JAECKEL, V., „Das Berlinbild in der expressionistischen Großstadtlyrik. Zum 120. Geburts­tag zweier Dichter des <<Abjekten>>“, in: DaF-Brücke, Nr. 9 (2007),  S. 50-54.

PINTHUS, K., Menschheitsdämmerung, ein Dokument des Expressionismus, 34. Aufl., Hamburg: Rowohlt 2006.

SCHUTTE, J./ SPRENGEL, P., Die Berliner Moderne 1885-1914, Stuttgart: Phlipp Reclam 1993.

SIMMEL, G., „Die Großstädte und das Geistesleben“, in: SIMMEL, Georg: Das Individuum und die Freiheit, Berlin: Wagenbach 1984, S. 192-204.

VIETTA, S./ KEMPER, H.-G., Expressionismus, 6. Aufl., München: Fink 1997. 


1 Über seine schulische Laufbahn schreibt Heym offen: „Meine Kindheit verbrachte ich in einer schlesischen Bergstadt wie alle Kindheiten, langweilig und träumerisch. Dann wurde ich über verschiedene Gymnasien hinweg deportiert. Bis zu meinem Abiturientenexamen hat mich das consilium abeundi wegen nächtlicher Kneipgelage und Teilnahme an verbotenen Verbindungen nicht mehr verlassen.“ (HEYM 2006: 334).

2 Tagebuchaufzeichnung vom 3. 11. 1911, zit. nach  Schneider, N. (Hg.): Am Ufer des blauen Tags. Georg Heym. Sein Leben und Werk in Bildern und Selbstzeugnissen,  Glinde: Böckel Verlag 2000, S. 16.