Kompetenzen nach dem GER und die Auswirkungen im DaF

Verônica Siqueira de Andrade (Colégio Cruzeiro / PUC – Rio)
Dr. Mônica Maria Guimarães Savedra (PUC – Rio)

Zusammenfassung: Ziel dieses Beitrags ist es, die Rolle des Begriffs „Kompetenz“ nach den Anforderungen des Gemeinsamen Europäischen Referenzrahmens zu zeigen und die Notwendigkeit eines Umdenkens seitens der Lehrenden und der Lernenden hervorzuheben.

Stichwörter: Linguistik, GER, Kompetenzen

 

Wenn man Linguistik studiert, begegnet man irgendwann dem Kompetenzbegriff. Eingeführt wurde er in den 60er Jahren von Chomsky, nach dem Kompetenz die Fähigkeit zur Rezeption und Produktion aller möglichen Sätze einer Sprache und besonders zur intuitiven Beurteilung ihrer Grammatikalität bezeichnet. Dem Begriff stellt Chomsky ein anderer gegenüber, nämlich „Performanz“: Die entspricht der Sprachverwendung, in der Abweichungen von der grammatischen Richtigkeit vorkommen können.
Diese Sicht wurde aber für unzulänglich gehalten, weil sie Phänomene der gesprochenen Sprache sowie rhetorische, poetische und pragmatische Fähigkeiten nicht berücksichtigt. Einer der Theoretiker, die Chomskys Begriffe kritisierten, war Hymes, der eine „kommunikative Kompetenz“ postulierte: die Fähigkeit zur angemessenen Sprachverwendung in verschiedensten Kommunikationssituationen. Nach Deppermann (2004: 16) ist Hymes‘ Begriff

sehr weit gefasst, er meint nicht nur linguistische Fähigkeiten im engeren Sinne, sondern bspw. auch poetische, argumentative, narrative, non-verbale Fähigkeiten und kommunikationspsychologische Eigenschaften wie Mut, Empathie oder Vertrauen. Im Unterschied zu Chomsky sieht er kommunikative Kompetenz nicht als eine idealisierte, abstrakte, universale Fähigkeit, die letzten Endes auf der biologischen Ausstattung des Menschen beruht. Ganz im Gegenteil, für Hymes ist kommunikative Kompetenz hochgradig milieu- und kontextspezifisch.

Der Kompetenzbegriff im Gemeinsamen Europäischen Referenzrahmen für Sprachen (GER) nähert sich Hymes‘ Begriff in dem Maße, wie er sich nicht auf die linguistischen Fähigkeiten beschränkt. Im Folgenden fassen wir die im GER aufgezählten kommunikativen Kompetenzen zusammen.

Die kommunikativen Kompetenzen nach dem GER
Die kommunikativen Kompetenzen umfassen drei Komponenten: linguistische, soziolinguistische und pragmatische Kompetenzen.

    • Linguistische Kompetenzen

Darunter soll man verstehen, dass der Sprachverwendende/Lernende über die formalen Mittel verfügt, um wohlgeformte, sinnvolle Mitteilungen zu formulieren. Diese Mittel stammen aus den Bereichen:

  • Lexikon, d.h. feste Wendungen (Könnte ich bitte...?; mit Hilfe von; einen Vortrag halten usw.) oder Einzelwörter (Wochentage, Gewichte, Wörter mit verschiedenen Bedeutungen wie z.B. Bank, usw.);
  • Grammatik, d.h. Wortklassen, Beziehungen (z.B. Rektion), Prozesse (z.B. Nominalisierung) usw.;
  • Semantik, wie z.B. Konnotation, Übersetzungsäquivalenz, Synonymie/Antonymie;
  • Phonologie, d.h. Silbenstruktur, Wortakzent, Intonation usw.
  • Orthographie, d.h. Groß- und Kleinschreibung, Abkürzungen, logographische Zeichen (z. B. @, &, $ usw.) sowie Regeln der Zeichensetzung.
    • Soziolinguistische Kompetenzen

Die Soziolinguistik befasst sich mit kultur- und gesellschaftsspezifischen Sprachformen. Nach dem GER bedeuten soziolinguistische Kompetenzen die Fähigkeit, folgende Elemente zu erkennen und zu benutzen:

  • Sprachliche Kennzeichnung sozialer Beziehungen, was von Faktoren wie relativem gesellschaftlichem Status, Nähe in der Beziehung  und  Diskursregister abhängt (z.B. formelle, informelle und familiäre Anredeformen);
  • Höflichkeitskonventionen, d.h. wie man in einer bestimmten Sprache Bewunderung, Dankbarkeit, Gastfreundschaft oder dagegen Bedauern, Abneigung u.a. ausdrücken kann;
  • Redewendungen, Aussprüche, Zitate und sprichwörtliche Redensarten, weil sie Volkswissen, Alltagskultur und allgemeine Einstellungen spiegeln;
  • Registerunterschiede, mit anderen Worten unterschiedliche Grade der Formalität (z.B. vom formelhaften Die Verhandlung ist eröffnet bis hin zum vertrauten Los, fangen wir an);
  • Varietäten, die auf die soziale Schicht, die regionale oder nationale Herkunft und die ethnische oder berufliche Zugehörigkeit des Sprechers hinweisen. 
    • Pragmatische Kompetenzen

Es geht hier um die Kenntnis des Sprachverwendenden/Lernenden davon, wie Mitteilungen:

  • organisiert und arrangiert sind, z.B. wie man Themen entwickeln und Texte gestalten kann (Diskurskompetenz);
  • je nach Funktion benutzt werden (funktionale Kompetenz). Man kann Mikrofunktionen erfüllen (wie z.B. Gefühle ausdrücken, um Hilfe bitten und Vorschläge machen) oder Makrofunktionen (wie z.B. etwas beschreiben, erklären und von etwas erzählen), oder nach Interaktionsschemata vorgehen (Frage – Antwort; Angebot – Annahme/Ablehnung; usw.).

 

Schlägt man weiter im GER nach, dann findet man andere Kompetenzen, die so wichtig wie die kommunikativen Kompetenzen sind und deshalb bei den Sprachlernenden auch gefördert werden sollen: die sogenannten allgemeinen Kompetenzen.

Die allgemeinen Kompetenzen nach dem GER
Die bestehen aus (a) deklarativem Wissen; (b) Fertigkeiten und prozeduralem Wissen; (c) persönlichkeitsbezogener Kompetenz; und (d) Lernfähigkeit.

  • Im Kapitel 2 vom GER steht, dass deklaratives Wissen als „Ergebnis von Erfahrungslernen (Weltwissen) und von formalen Lernprozessen (theoretisches Wissen)“ (2001: 22) verstanden wird. Aber im Kapitel 5 sind drei Komponenten dieses Wissens zu finden: Weltwissen, soziokulturelles Wissen und interkulturelles Bewusstsein.
  • Weltwissen kann sowohl aus Erfahrungen stammen, als auch aus Erziehung oder Informationsquellen. Beispiele dafür sind: Orte, Institutionen, Personen, Ereignisse, Prozesse sowie Klassen von Dingen (konkret/abstrakt, belebt/unbelebt usw.) und ihre Eigenschaften und Beziehungen (zeitlich-räumlich, Ursache/Wirkung usw.).
  • Soziokulturelles Wissen bedeutet Kenntnisse über die Gesellschaft und die Kultur einer Gemeinschaft, in der eine bestimmte Sprache gesprochen wird: Lebensbedingungen, Werte und Überzeugungen, interpersonale Beziehungen usw. Solches Wissen gehört eigentlich zum Weltwissen, doch es verdient besondere Aufmerksamkeit aus zwei Gründen: Es geht um Wissen, das verhältnismäßig spät im Leben erworben wird, und es kann durch Stereotypen verzerrt sein.
  • Interkulturelles Bewusstsein bedeutet im Großen und Ganzen Verständnis der Ähnlichkeiten und Unterschiede zwischen der eigenen Gemeinschaft und fremden Gemeinschaften.
  • Fertigkeiten und prozedurales Wissen hängen eher mit der Fähigkeit zusammen, Handlungen und Prozesse auszuführen, als mit deklarativem Wissen. Sie umfassen praktische Fertigkeiten (z.B. ein Wörterbuch oder einen Computer benutzen zu können) und interkulturelle Fertigkeiten (z.B. mit interkulturellen Missverständnissen umgehen zu können).
  • Persönlichkeitsbezogene Kompetenz umfasst Einstellungen (z.B. Offenheit für andere Ideen, Menschen, Erfahrungen), Motivationen, Werte, Überzeugungen, kognitive Stile (z.B. analytisch/synthetisch) und Persönlichkeitstypen. Alle diese Faktoren üben großen Einfluss auf die kommunikative Tätigkeit eines Menschen aus.
  • Lernfähigkeit bedeutet im weitesten Sinne „die Fähigkeit zur Beobachtung, zur Teilnahme an neuer Erfahrung und zur Integration neuen Wissens in bereits vorhandenes Wissen, das dabei, wenn nötig, verändert wird“ (2001: 108). Dazu tragen bei: das Sprach- und Kommunikationsbewusstsein (die Kenntnis und das Verstehen davon, wie die verschiedenen Sprachen organisiert und benutzt werden), allgemeine phonetische Fertigkeiten, Lerntechniken (wie z.B. die Kenntnis der eigenen Stärken und Schwächen, und die Fähigkeit, Materialien für selbständiges Lernen zu nutzen) und heuristische Fertigkeiten (z.B. die Fähigkeit, verschiedene Kompetenzen einzusetzen – Beobachten, Analysieren, Memorieren usw.).

Fazit
Der Gemeinsame Europäische Referenzrahmen für Sprachen  bewirkt Umdenken bei allen, die sich mit Fremdsprachenlernen beschäftigen. Eine Fremdsprache zu lernen bedeutet nicht mehr, lediglich linguistische Kompetenzen zu erwerben,  sondern auch andere kommunikative und noch dazu allgemeine Kompetenzen zu entwickeln. Wir Deutschlehrer sollen unseren Schülern bzw. Kursteilnehmern zum Beispiel beibringen, ein Wörterbuch mit allen seinen Angaben (grammatischen, phonetischen usw.) zu benutzen und Texte mit Kohärenz und Kohäsion zu produzieren. Besonders wichtig ist auch, die Lernenden auf interkulturelle Unterschiede aufmerksam zu machen und sie anzuspornen, deutsche Internetseiten zu besuchen oder auf Deutsch zu chatten. Fremdsprachenunterricht ist heutzutage vielseitiger geworden, sowohl für Lernende als auch für uns Lehrende.

Literaturangaben
Deppermann, Arnulf. „‘Gesprächskompetenz‘ – Probleme und Herausforderungen eines möglichen Begriffs“, Forum Angewandte Linguistik, Band 43 (2004).

Europarat. Gemeinsamer Europäischer Referenzrahmen für Sprachen: lernen, lehren, beurteilen. Berlin, München u.a.: Langenscheidt, 2001.