Prof. Dr. Ulrich Steinmüller Rio de Janeiro
Technische Universität Berlin 22. Juli 2008
Deutsch als Fremdsprache in der internationalen Kooperation.
Interkulturelle Kompetenz, interkulturelle Kommunikation und Fachsprachen.
Über den Stellenwert und das Gewicht der deutschen Sprache im internationalen wirtschaftlichen, technologischen und wissenschaftlichen Kontext wird in jüngster Zeit vermehrt nachgedacht und teilweise auch laut geklagt, weil ein Bedeutungsschwund des Deutschen als internationales Kommunikationsmedium und als internationale Sprache der Wissenschaften konstatiert wird.
Wenn auch weltweit in Politik, Wirtschaft und Wissenschaft die englische Sprache eine unbestritten dominierende Stellung einnimmt, ist die deutsche Sprache als internationales Kommunikationsmedium bei weitem nicht zu einem Aschenputteldasein verdammt. In sehr verschiedenen disziplinären Bereichen und sehr vielen verschiedenen Ländern behauptet sie sich nicht nur, sondern sie hat eine eigenständige Bedeutung neben dem Englischen. Dies geht inzwischen so weit, dass in zahlreichen Bildungssystemen in verschiedenen Ländern und auch auf dem internationalen Arbeitsmarkt die Beherrschung der englischen Sprache allein nicht mehr als Qualifikationsmerkmal, sondern als schlichte Selbstverständlichkeit betrachtet wird und erst die Beherrschung einer oder mehrerer weiterer Fremdsprachen den entscheidenden Qualifikationsvorsprung darstellt. Hierin liegt die Chance für Deutsch als Fremdsprache weltweit.
Dabei ist zunehmend zu beobachten, dass die Definitionshoheit über Themen, Fragestellungen und Aufgaben für Lehre und Forschung in Deutsch als Fremdsprache nicht mehr ausschließlich bei den deutschsprachigen Ländern liegt. Während sie in der Vergangenheit die Vorgaben machten, neue Entwicklungen anstießen und höchstens regional eigenständige Wege beschritten wurden, beginnt sich die Perspektive zu verschieben. Zwar werden noch immer Maßstäbe und Ansprüche von den deutschsprachigen Ländern formuliert und deren Anerkennung z.B. durch überregionale Prüfungsformen und –inhalte und bis hin zu obligatorischen Lehrwerken eingefordert.
In immer stärkerem Maße aber wird ein eigenständiger Umgang mit Deutsch als Fremdsprache weltweit erkennbar. Zielsetzungen, Verwendungsinteressen und damit Forschungsfragen und Lehrinhalte bis hin zur Erstellung von Lehrwerken werden zunehmend aus der Perspektive der so genannten Abnehmerländer definiert, die nicht unbedingt immer mit der Perspektive der deutschsprachigen Länder übereinstimmen muss. Sehr oft ist sogar ein deutlicher Widerspruch erkennbar zwischen den Interessen, wie sie z. B. in den Konzepten einer deutschen auswärtigen Kultur- und Sprachpolitik formuliert sind und den Zielsetzungen, die sich aus der Interessen- und Bedürfnislage des jeweiligen Landes ergeben, in dem Deutsch als Fremdsprache unterrichtet wird. Orientierungsgröße für Deutsch als Fremdsprache aus dieser Perspektive sind dann die Funktion und der Verwendungszusammenhang des Deutschen im jeweiligen gesellschaftlichen und ökonomischen Kontext. In meinem Fachgebiet Deutsch als Fremdsprache an der TU Berlin sind in den zurückliegenden Jahren eine ganze Reihe von Magister- und Doktorarbeiten entstanden, die sich mit dem Stellenwert und der Bedeutung der deutschen Sprache in zentralasiatischen, südasiatischen und afrikanischen Staaten und auch in Brasilien befassen. Diese Analysen haben zum Teil sehr bemerkenswerte Ergebnisse erbracht, die für das Selbstverständnis der Disziplin Deutsch als Fremdsprache durchaus von Bedeutung sind.
Der Prozess der Globalisierung hat auch vor Deutsch als Fremdsprache nicht Halt gemacht mit der Konsequenz, dass auch in unserer Disziplin in stärkerem Maße die gleichberechtigte Partnerschaft und nicht mehr die Hierarchie von Geber und Abnehmer an Bedeutung gewinnt. So, wie sich z.B. die deutsche Wirtschaft an den Gedanken gewöhnen musste, dass die jahrelange Ausbildung internationaler Absolventen und der damit verbundene Technologietransfer in deren Herkunftsländer dort zu eigenständigen Entwicklungen und sogar zu aktivem Konkurrenzkampf mit ehemaligen Entwicklungsländern geführt hat, muss auch die Disziplin Deutsch als Fremdsprache zur Kenntnis nehmen, dass mit der Ausbildung hochqualifizierter internationaler DaF-ler eigenständige Entwicklungen in Lehre und Forschung weltweit entstanden sind und dass neue Entwicklungen in Deutsch als Fremdsprache eben nicht mehr nur aus dem deutschsprachigen Bereich kommen, sondern auch aus Brasilien, Russland, China, Japan usw. Wie mir ein chinesischer Industrieller aus der Stadt Ningbo sagte: „Ihr habt uns jahrelang eure Maschinen verkauft, jetzt dürft ihr euch nicht wundern, wenn wir sie auch benutzen.“ Das gilt, cum grano salis, auch für die Situation von DaF unter internationaler Perspektive. In beeindruckender Weise wurde diese Entwicklung auf der Tagung „Deutsch als Fremdsprache aus internationaler Perspektive – neuere Trends und Tendenzen“ deutlich, die im September 2007 in Hangzhou in der VR China durchgeführt wurde. Ca. 160 Konferenzteilnehmer aus 14 Ländern weltweit, von Brasilien über Russland und China bis Zimbabwe und auch aus Deutschland diskutierten den Zustand und die Entwicklungen unseres Faches aus der Perspektive ihres jeweiligen Landes. Das Fazit, das ein deutscher Konferenzteilnehmer zog, lautet:
„Welche Rolle die deutsche Sprache künftig im Ausland spielen wird, hängt
entscheidend von unseren Auslandskolleg/inn/en ab und wird letztendlich
auch die Arbeit von Lehrgebieten, Studienkollegs, DaF-Lehrstühlen und
privatrechtlichen Sprachkursanbietern bei uns im Inland beeinflussen.“
(LANGE 2008: 32)
In der hierin erkennbaren Tendenz wird auch deutlich, dass es bei Deutsch als Fremdsprache nicht um ein Kulturfach im engeren Sinne und bei seiner Vermittlung nicht mehr nur um die Vermittlung der Kultur der deutschsprachigen Länder gehen kann. Deutsch als Fremdsprache ist zum Kommunikationsmedium im internationalen Kontext geworden, mit der Konsequenz, dass es Aufgaben zu erfüllen gilt, die sich aus der internationalen Kooperation ergeben: Deutsch als Fremdsprache ist zum Instrument geworden, zum Werkzeug, das in vielfältiger Weise an der Gestaltung von internationalen Transferprozessen beteiligt ist und damit auf Themen und Textsorten bezogen wird, die noch vor wenigen Jahren als völlig außerhalb des Horizonts von DaF liegend betrachtet wurden. Damit sind prinzipiell alle Themen und Fragestellungen gemeint, die im derzeitigen internationalen Wissens- und Technologietransfer von Bedeutung sind.
Im Rahmen einer zunehmenden Internationalisierung und Globalisierung, die bereits dazu geführt hat, dass unser Erdball spöttisch als „global village“ bezeichnet wird, nimmt es nicht Wunder, dass der internationale Wissens- und Technologietransfer sowohl als Chance für internationale Kooperation und Entwicklung als auch als Bedrohung z. B. unter ökonomischen, aber auch unter ökologischen Gesichtspunkten gesehen wird. Auch wenn es widersprüchlich erscheinen mag, gerade aus den Gefahren, die sich aus dem Transfer und der internationalen Verbreitung von Wissen und Technologie ergeben können, ersteht die Notwendigkeit überregionaler und internationaler Wissenschaftskooperation, denn Ursachen wie Folgen der Bedrohung sind nur global anzugehen. Und dies geht nicht ohne adäquate Instrumente der internationalen Kommunikation, und das heißt der Zweck orientierten, funktionalen Beherrschung von Fremdsprachen.
Für unsere Universitäten folgt hieraus, dass sie Netzwerke internationaler Kooperationen zu entwickeln und zu pflegen haben, nicht nur und nicht in erster Linie im Hinblick auf traditionelle disziplinäre Zusammenarbeit einzelner Wissenschaftler, sondern zwecks gemeinsamer Definition neuer Problemstellungen zivilisatorischer Art, die zugleich als interdisziplinäre Herausforderungen an die Wissenschaften zu verstehen sind. Dies betrifft, wenn auch in unterschiedlicher Weise, alle Disziplinen, nicht nur die Natur- und Ingenieurwissenschaften. Für Deutsch als Fremdsprache mit seiner Zielbestimmung als internationales Kommunikationswerkzeug, auch und gerade im internationalen Technologie- und Wissenstransfer ergeben sich hier neue Aufgaben, die über die Vermittlung der Kultur deutschsprachiger Länder deutlich hinaus weisen.
Das gleiche gilt für die Analyse der Voraussetzungen für und der fachbezogenen Vermittlung von Fähigkeiten zu interkultureller Kommunikation.
Immer wieder und von ganz unterschiedlichen Seiten wird betont, dass die beste und effektivste Form der Vermittlung wissenschaftlicher Erkenntnisse und des Technologietransfers über Menschen geschehe, sei es durch einen Austausch von Wissenschaftlern und Praktikern zwischen Hochschulen und der Wirtschaft, sei es, dass hochqualifizierte Hochschulabsolventen ihr Wissen in ihre Arbeitsstellen in der Industrie und Wirtschaft einbringen, sei es durch die internationale wissenschaftliche Zusammenarbeit bei gegenseitigen Lehr- und Forschungsaufenthalten, in internationalen Forschungsprojekten und im Studentenaustausch. Um diese Aktivitäten im Sinne des Transfers von wissenschaftlichen Erkenntnissen und im Kontext einer interkulturellen Kommunikation tatsächlich erfolgreich zu gestalten, gehört hierzu im Rahmen des internationalen Austauschs neben der unbestreitbar erforderlichen hohen fachlichen Qualifikation, auch die Fähigkeit, diese Qualifikation fremdsprachlich und interkulturell kompetent umzusetzen.
In diesem Sinne stellt die fachbezogene Fremdsprachenvermittlung für Studenten wie für andere Fachleute einen wesentlichen Baustein für ihre Qualifikation und für Technologietransfer und internationale Kooperation dar.
Eine wesentliche Aufgabe von akademischer Lehre und Ausbildung ist die Vermittlung und Reflexion von Wissen, die Aufbereitung und Verarbeitung von Erkenntnissen und Erfahrungen, die dem eigenen Zugriff der Studierenden nicht prima facie, also auf den ersten Blick zugänglich sind, sowie die geistige Durchdringung und gedankliche Handhabung dieser Inhalte. Grundlage für derartige Operationen ist die Bildung von und der Umgang mit Begriffen sowie die Versprachlichung in der Fremdsprache von Erkenntnissen und Prozeduren, wie sie sich in den Fachsprachen manifestieren. Im Verlauf des Lernprozesses bilden sinnliche Wahrnehmung, gedankliche Verarbeitung und sprachliche Formulierung die notwendigen Elemente der Aneignung und Handhabung von Wissen und Erkenntnissen. Dabei gilt, dass zusammen mit dem Fachwissen und der Reflexion darüber die für eine angemessene Versprachlichung erforderlichen fachlichen Begrifflichkeiten, Bezeichnungen, Argumentationsweisen und Textsortenkenntnisse in der Fremdsprache vermittelt werden müssen. Das bedeutet, es genügt nicht, die Studierenden die Begrifflichkeit eines neuen Themas in der Art von Vokabeln auswendig lernen zu lassen, wie es ein sehr verkürztes Verständnis von Fachsprache = Fachlexik nahe legt, sondern es müssen auch inhaltliche Vorstellungen vermittelt und in einen systematischen Zusammenhang mit anderen Vorstellungen und Inhalten gebracht werden. Die dafür erforderlichen sprachlichen Zeichen der Fremdsprache müssen dafür ebenso vermittelt und eingeübt werden wie die Normen und Regeln zu ihrer Verknüpfung und Verwendung. Aus diesen Beobachtungen resultiert die Forderung nach einer sprachlichen Qualifizierung der Studierenden, die sich stärker als bisher an den fachbezogenen Erfordernissen der Sprachverwendung orientiert. Der derzeitige Stand der Fachsprachendiskussion innerhalb der Linguistik und der Sprachdidaktik zeigt, dass es hierbei nicht um eine Reduktion der Fremdsprache auf einen „Fachjargon“ gehen kann.
In dem Maße, wie Fragen der Vermittlung wissenschaftlicher Erkenntnisse und des Technologietransfers international an Bedeutung gewonnen haben, kommt der sprachlichen und der interkulturellen Qualifikation als notwendige Ergänzung zur fachlichen Qualifikation von Universitätsabsolventen und von all denen, die international agieren, ein wichtiger Stellenwert zu, nicht nur in Deutschland, sondern auch bei unseren internationalen Kooperationspartnern bezogen auf die angesprochenen Disziplinen und die Anwendung der in ihnen gewonnenen Erkenntnisse.
Der Erwerb von Fremdsprachen wie - in der Folge - auch die spezifische Organisation und Struktur des Fremdsprachenunterrichts unterliegen danach einer ganz eindeutigen Zweckbestimmung: Vermittlung von Sprachkenntnissen - in unserem Fall der deutschen Sprache - als Voraussetzung und Basis für alle Formen des internationalen Transfers und des Erwerbs von international verwertbarem Know-how. Die zu erwerbenden Fremdsprachkenntnisse sind also in der Folge einer politischen und gesellschaftlichen Standortbestimmung funktional und instrumentell definiert und beziehen sich damit zweckbestimmt auf die Vermittlung von Fachsprachen. In dieser Zweckbestimmung von Fremdsprachenkenntnissen im Zusammenhang von Technologietransfer und Qualifikation für internationale Kooperationen treffen sich die Vorstellungen von einem modernen Fremdsprachenunterricht, wie sie inzwischen in vielen Ländern entwickelt wurden: der instrumentelle und der funktionale Charakter der Sprache für Ausbildung und spätere Berufstätigkeit im internationalen Kontext.
Als eine weitere Konsequenz aus der Globalisierung und es weltweiten Transfers erweitern wir das Spektrum der Zweckbestimmungen um einen weiteren Punkt, nämlich den Erwerb interkultureller Kompetenz und die Befähigung zur interkulturellen Kommunikation. Das Lernziel ist dabei die Erhöhung der interkulturellen Kompetenz als einer notwendigen Ergänzung zur sprachlichen und fachlichen Qualifikation. Es ist zu betonen, dass die Kommunikationspartner „nicht nur kulturelles Wissen über die Kultur des anderen erwerben sollen, sondern die interkulturelle Kommunikation verändert die Wahrnehmung der eigenen Kultur und die eigene Identität“(BUNGARTEN 1998: 28) und relativiert gleichzeitig eine stigmatisierende Aneignung der fremden Kultur. Konkret lässt sich die interkulturelle Kompetenz in der internationalen Kommunikation in folgenden Punkten zusammenfassen:
- Einsicht in die Kulturabhängigkeit menschlichen Denkens, Verhaltens und Handelns;
- Spezielle Kenntnis unterschiedlicher Argumentations- und Entscheidungsstrukturen, kommunikativer Stile sowie die Fähigkeit, solche Strukturen und Stile in der internationalen Kommunikation zu identifizieren und zu verwenden;
- Fähigkeit und Bereitschaft zur Einnahme fremdkultureller Perspektiven;
- Beherrschung von Verhaltensmustern und Handlungsstrategien der interkulturellen Kommunikation mit beschränkten Sprachmitteln;
- Beherrschung von Handlungsstrategien zur Vermeidung und Klärung von Missverständnissen;
- Fähigkeit der Reflexion über die eigene kulturelle Position und eigene Handlungsmuster.
In der jüngeren fremdsprachdidaktischen Diskussion hat sich in diesem Zusammenhang die Beschäftigung mit Modellen interkultureller Kompetenz in den Vordergrund geschoben. Mit dieser Hinwendung zum Kompetenzbegriff als Kategorie in der Didaktik Deutsch als Fremdsprache ist ein Paradigmenwechsel verbunden, weg von der Wissensvermittlung hin zur Vermittlung und dem Erwerb von Strategien und Kompetenzen. Dieser Paradigmenwechsel ist nicht auf die Fremdsprachendidaktik beschränkt, stellt aber in unserem Arbeitsgebiet im Prinzip die konsequente Weiterentwicklung des kommunikativen Ansatzes dar. Dabei geht es sowohl um den Erwerb und die Vermittlung von kognitiven Fähigkeiten und Fertigkeiten als auch von sozialen und motivationalen Bereitschaften und Fähigkeiten.
In besonders prägnanter Weise haben hier Yu Xuemei, Li Yuan und Liu Fang, drei junge chinesische Wissenschaftlerinnen, den Diskurs über die interkulturelle Kompetenz durch ihre jeweiligen Auseinandersetzungen mit dem Kompetenzbegriff aktualisiert und zugespitzt.
Yu Xuemei entwickelt zunächst eine inklusive Hierarchie von Kompetenzen, d. h. eine Hierarchie, bei der jede folgende Stufe alle vorausgehenden Stufen als genuinen Bestandteil einschließt. Diese Hierarchie geht von der unabdingbaren Sprachbeherrschung als der Fremdsprachkompetenz aus und erweitert sie auf einer nächsten, höheren Kompetenzstufe um die kommunikative Kompetenz, in der sie die Anwendung der sprachlichen Kompetenz in jeweils aktuellen Kommunikationssituationen sieht, wobei die sprachliche Kompetenz um die Strategien und Normen zur Ausgestaltung kommunikativer Prozesse ergänzt wird. Auf der Ebene der interkulturellen Kompetenz schließlich, die auf den beiden früheren Kompetenzstufen notwendig aufbaut, wird diese sprachlich-kommunikative Kompetenz in internationalen Kommunikationsanlässen und Kommunikationssituationen realisiert, wozu die schon genannten kognitiven, sozialen und motivationalen Fähigkeiten und Fertigkeiten in die Ausgestaltung des Kommunikationsaktes einbezogen werden . Nach diesem Modell hängt der Erfolg der interkulturellen Kommunikation weniger von der fremdsprachlichen als viel mehr von der interkulturellen Kompetenz ab. Wie schon unter dem Gesichtspunkt der Fachsprachenorientierung ist auch hier bei Yu Xumei die Fremdsprache weniger unter dem Aspekt des Kulturguts und der Kulturvermittlung zu betrachten, sondern sie wird zum Werkzeug, das zum Gelingen internationaler Kommunikationsprozesse eingesetzt wird.
Li Yuan übernimmt von dem deutschen Psychologen Heinrich Roth die bereits 1972 entwickelte Auffächerung des pädagogischen Kompetenzbegriffs in Sachkompetenz, Sozialkompetenz und Selbstkompetenz, die dann in der soziologischen Diskussion in den 80er Jahren des vorigen Jahrhunderts um die Methodenkompetenz erweitert im Oberbegriff der Handlungskompetenz zusammengeführt werden. Man versteht hierunter „die Bereitschaft des Einzelnen, sich in beruflichen, gesellschaftlichen und privaten Situationen sachgerecht, durchdacht, sowie individuell und sozial verantwortlich zu verhalten.“ ( KMK 1999: 9)
Im kommunikativen Ansatz der Fremdsprachendidaktik ist die so verstandene Handlungskompetenz der kommunikativen Kompetenz untergeordnet, weil sie als Bestandteil der kommunikativen Kompetenz im Habermas’schen Sinne verstanden wird. Dieses Verständnis von Kompetenz stellt dann für Li Yuan die Basis dafür dar, eine inhaltliche Füllung des Begriffs „interkulturelle Kompetenz“ vorzunehmen, indem die so verstandene Kompetenz in internationalen Situationen in aktives Handeln und Kommunizieren umgesetzt wird. Die Vermittlung und der Erwerb dieses umfassenden Kompetenzbegriffs werden dann als übergeordnetes Lernziel für den interkulturell orientierten Unterricht Deutsch als Fremdsprache formuliert.
Liu Fang schließlich schlägt den Bogen von der Diskussion des Begriffs der interkulturellen Kompetenz und seiner unterschiedlichen Facetten zur Fachsprache, indem sie den von Roth 1972 angestoßenen Diskurs in seiner Weiterentwicklung in der Berufs- und Wirtschaftspädagogik aufgreift und mit den Konzepten interkultureller Wirtschaftskommunikation verbindet. Zielpunkt ihrer Argumentation ist dabei die Definition dieser interkulturellen (Handlungs-)Kompetenz als die im Globalisierungsdiskurs immer wieder geforderte überfachliche Qualifikation, die den interkulturell kompetenten „Global Player“ auszeichnet und die es im Unterricht Deutsch als Fremdsprache zu vermitteln gilt. Für Liu Fang gilt dabei die Beherrschung der Fremdsprache, die bei Yu Xuemei als die absolut erforderliche, wenn auch nicht hinreichende unterste Kompetenzstufe benannt wurde, als Teil der Fachkompetenz, die nicht nur fachliches, sondern eben auch fremd- und fachsprachliches Wissen umfasst. Für die interkulturelle Kompetenz sind nach Liu Fang zentrale Kategorien
- Offenheit und Neugier gegenüber Fremdkulturen
- Empathiefähigkeit und Toleranz
- Fähigkeit, die fremde Kultur zu verstehen und gleichzeitig die eigene Kultur zu reflektieren ( LIU 2006: 146 )
Der durch diese Erweiterung des Qualifikationsprofils angestrebte Aspekt der Vermittlung von interkultureller Kompetenz muss ein integraler Bestandteil eines modernen Fremdsprachenunterrichts und Bestandteil der Qualifikation von international agierenden Menschen sein. Nicht die verfrühte - und damit schnell veraltete - fachliche Spezialisierung soll das Ziel der Ausbildung sein, sondern die interkulturell kompetente Persönlichkeit, der es möglich ist, die eigene fachliche Tätigkeit im gesellschaftlichen Kontext zu erkennen, zu reflektieren und verantwortungsbewusst einzusetzen. Die Verortung dieses Qualifikationsmerkmals in der Fremdsprachenausbildung hat ihre Begründung u. a. darin, dass mit der zu erlernenden Sprache Inhalte vermittelt werden über das Land/die Länder dieser Sprache. Kenntnisse über Kultur, Geschichte, Gesellschaft dieses Landes erweitern den Horizont und erlauben, Werte, Normen und Verhaltensmuster des eigenen Landes, der eigenen Gesellschaft differenziert zu betrachten und nationalen Verengungen wie Stereotypen und Vorurteilen entgegen zu wirken oder mindestens als solche bewusst zu machen. Hier hat dann auch die Befähigung zu interkultureller Kommunikation ihren Platz.
Das gleiche gilt für die spätere Berufstätigkeit der zukünftigen Universitätsabsolventen. Der Arbeitsmarkt endet nicht mehr an nationalen Grenzen, die Konkurrenzfähigkeit der Absolventen, ist auch von ihrer internationalen Einsatzfähigkeit abhängig, sei es, dass eine Position bei einem ausländischen Arbeitgeber angestrebt wird, bei einer Joint-Venture-Firma oder bei einer einheimischen Firma mit Auslandskontakten. Die Aufgabe einer Universität kann es daher nicht nur sein, ihre Absolventen fachlich – und das heißt auch – verantwortungsbewusst und der globalen Zusammenhänge eingedenk - zu qualifizieren, sie muss es ihnen auch ermöglichen, diese fachliche Qualifikation international einzusetzen. Eine so verstandene "Abnehmerorientierung", die auch im wohlverstandenen Interesse der Absolventen liegt, kann einen wesentlichen Beitrag zur Profilbildung und zur Verbesserung der internationalen Kooperation und Konkurrenzfähigkeit unserer Absolventen leisten.
Hier sehe ich allerdings noch eine Aufgabe, die darin besteht, den Disziplinen, die sich mit der Analyse und der Vermittlung von Fremdsprachen beschäftigen, die Notwendigkeit einsichtig zu machen, sich zum einen verstärkt mit den diversen Fachsprachen, ihren Erscheinungsbildern und Verwendungszusammenhängen, zu beschäftigen, zum anderen das instrumentell und funktional geprägte Interesse am Lernen von Sprachen als eine berechtigte und gleichberechtigte Motivation anzuerkennen. Man mag bedauern, dass auf diese Weise das Interesse an Sprachen nicht nur dem Interesse an Literatur und Kultur entspringt, die Zusammenhänge zwischen der Globalisierung unserer Welt, dem internationalen Transfer von Wissen und Technologie und den für diese Zwecke geeigneten Kommunikationsmedien erscheinen mir jedoch unübersehbar. Dass die Anerkenntnis dieser neuen, zusätzlichen Aufgabenstellung Konsequenzen sowohl für die Gegenstände, die Methoden und die Medien eines so ausgerichteten Fremdsprachenunterrichts wie auch für die Qualifikation des Unterrichtspersonals hat, versteht sich dann von selbst.
Literatur
Bungarten, T., Nationale Wirtschaftskultur und interkulturelle Kommunikation, in: Rösch, O. (Hg.), Interkulturelle Kommunikation in Geschäftsbeziehungen zwischen Russen und Deutschen. Berlin: News & Media Marcus v. Amsberg 1998
Kultusministerkonferenz, Handreichungen für die Erarbeitung von Rahmenlehrplänen für den berufsbezogenen Unterricht in der Berufsschule und ihre Abstimmung mit Ausbildungsordnungen des Bundes für anerkannte Ausbildungsberufe. www.kmk.org/doc/publ/handreich.pdf
Lange, M., „DaF im Ausland zwischen traditioneller Germanistik und anwendungs-bezogener Sprach- und Kulturvermittlung.“ fadaf aktuell 1 (2008)
Li, Y., Integrative Landeskunde. Ein didaktisches Konzept für Deutsch als Fremd-
Sprache in China am Beispiel des Einsatzes von Werbung. München: iudicium 2007
Liu, F., Entwicklung synergetischer Handlungskompetenz. Ein didaktisches Modell
zum Wirtschaftsdeutsch in China. München: iudicium 2006
Monteiro, M., „Deutsch als Fremdsprache – ingenieurwissenschaftliche Fachsprachen.“
Zielsprache Deutsch 1 (1993)
Monteiro, M., Rieger, S., Skiba, R., Steinmüller, U., Deutsch als Fremdsprache – Fachsprache im Ingenieurstudium. Frankfurt/M.: IKO-Verlag 1997
Steinmetz, M., „Strukturen eines fachsprachlichen DaF-Curriculums am Beispiel des Diplom- Teilstudiengangs „Fachdeutsch Technik“ der Zhejiang-Universität Hangzhou.“,in: Steinmüller,U. (Hg.), Deutsch international und interkulturell. Aspekte der Sprachver-mittlung Deutsch als Zweit-, Fremd- und Fachsprache. Frankfurt/M.: IKO-Verlag 1993
Steinmüller, U., „Deutsch als Fremdsprache - didaktische Überlegungen zum Fachsprachenunterricht.“ Zielsprache Deutsch 2 (1990)
Steinmüller, U., „Deutsch als Fremdsprache im Ingenieurstudium.“ Zielsprache Deutsch“ 3, 1995
Yu, X., Interkulturelle Orientierung in DaF-Lehrwerken für China. Eine inhaltsbezogene Analyse . München: iudicium 2004

