Dr. Natalia Gorbel
Dozentin am Lehrstuhl für Deutsche Sprache
der Karelischen Staatlichen Pädagogischen Universität
Russland
nwg@onego.ru

Das Werk von Max Frisch - Entwicklung der Selbstkompetenz der Lerner/-innen

Zusammenfassung. Anliegen dieses Beitrages ist es, die Didaktisierung des Werkes von Max Frisch für den DaF-Unterricht in den Zielgruppen C1-C2 (GER) zum Thema „Selbstkompetenz, Eigenes, Fremdes, Heimat“ vorzustellen. Das integrierte Modell sieht eine Vernetzung der Sprachverwendung mit der Ästhetik der schönen Literatur, Psychologie und der Europäischen Dimension vor.
Stichwörter: Heimatgefühl, Eigenes und Fremdes, Sehnsucht nach Selbstverwirklichung, Bearbeitung von Vorurteilen, Pluralität der Möglichkeiten.

Ausgangsimpulse
Die Aktivitäten einer Person und deren Gründe, Anlässe, Impulse, Anreize, - und ferner das Unbegreifliche der menschlichen Handlungen – sie stellen einen Schwerpunkt der literarischen Versuche im Sprachunterricht dar. Die zu erwerbenden Kompetenzen umfassen universelle Kompetenzen zu allerwichtigsten Lebensbereichen und ermutigen zum lebenslangen Erwerb von Sprache, Lebenserfahrungen und Selbsterkenntnissen. Somit lässt sich die Arbeit mit und an Literatur in die Forderungen des Europäischen Referenzrahmens eingliedern. Meine Vorschläge richten sich auf das Werk von Max Frisch und an die Zielgruppe C1-C2 des GER (Erwachsene): Das integrierte Modell sieht vor, Bezüge zwischen der Sprachverwendung, der Ästhetik der schönen Literatur, der Psychologie und der Europäischen Dimension herzustellen, die ebenso die Schweiz als ein DACHL -Land in den Mittelpunkt des Unterrichtsgeschehens rücken sollen..            
Forschungsgegenstand:
Der Forschungsgegenstand setzt sich aus dem Textstoff, den Voraussetzungen zu dessen Behandlung und den daraus resultierenden Mikrothemen zusammen.
Text: Max Frisch „Fragebogen“ (gekürzt)

  • Wenn Sie sich in der Fremde aufhalten und Landsleute treffen: Befällt Sie dann Heimweh oder dann gerade nicht?
  • Hat Heimat für Sie eine Flagge?
  • Worauf können Sie verzichten: a. Auf Heimat? B. Auf Vaterland? C. Auf die Fremde?
  • Was bezeichnen Sie als Heimat: a. Ein Dorf? B. Eine Stadt oder ein Quartier darin? C. Einen Sprachraum? D. Einen Erdteil? E. Eine Wohnung?
  • Was lieben Sie an Ihrer Heimat besonders: a. Die Landschaft? B. Dass Ihnen die Leute ähnlich sind in ihren Gewohnheiten, d.h. dass Sie sich den Leuten angepasst haben und daher mit Einverständnis rechnen können? C. Das Brauchtum? D. Dass Sie dort ohne Fremdsprache auskommen? E. Erinnerungen an die Kindheit?
  • Haben Sie schon Auswanderung erwogen?
  • Welche Speisen essen Sie aus Heimweh und fühlen Sie sich dadurch in der Welt geborgener?
  • Wie viel Heimat brauchen Sie?
  • Insofern Heimat der landschaftliche und gesellschaftliche Bezirk ist, wo Sie geboren und aufgewachsen sind, ist Heimat unvertauschbar: Sind Sie dafür dankbar?
  • Wem?
  • Was macht Sie heimatlos: a. Arbeitslosigkeit. B. Vertreibung aus politischen Gründen? C. Karriere in der Fremde? D. Dass Sie in zunehmendem Grad anders denken als die Menschen, die den gleichen Bezirk als Heimat bezeichnen wie Sie und ihn beherrschen? e. ein Fahneneid, der missbraucht wird?
  • Haben Sie eine zweite Heimat? Und wenn ja:
  • Können Sie sich eine dritte und vierte Heimat vorstellen oder bleibt es dann wieder bei der ersten?
  • Kann Ideologie zu einer Heimat werden?
  • Auch Soldaten auf fremdem Territorium fallen bekanntlich für die Heimat: Wer bestimmt, was sie der Heimat schulden?
  • Können Sie sich überhaupt ohne Heimat denken?
  • Woraus schließen Sie, dass Tiere wie Gazellen, Nilpferde, Bären, Pinguine, Tiger, Schimpansen usw., die hinter Gittern oder in Gehegen aufwachsen, den Zoo nicht als Heimat empfinden?

Zielgruppe: Studenten der pädagogischen Universität, Fakultät für Fremdsprachen, Deutsch als zweite Fremdsprache, 9. Semester. Alter der Studierenden: 21-22 Jahre.
Voraussetzungen:
Meine Didaktisierung des vorgeschlagenen Stoffes richtet sich auf die Originalquelle (Max Frisch) und auf die Zielgruppe (erwachsene Universitätsstudenten): Im letzten Studienjahr an einer spezialisierten Fakultät im Rahmen der Universitätsausbildung sind außer dem Konversationsunterricht die folgenden Aspekte vorgesehen: Stilanalyse (oder „analytische Lektüre“), zusätzliche Lektüre, Landeskunde (wo der Staat Schweiz kurz angeschnitten sein werden soll). Das moderne integrierte Unterrichtsmodell sollte alle diese Verbindungen nicht außer Acht lassen. Da jede Stunde mit dem Vorhergehenden und dem Nächsten verkettet ist, skizziere ich kurz die Einbettung.
Einbettung dieser Unterrichtsstunde:
Diese Stunde basiert sich auf dem früher während der Hauslektüre diskutierten Stoff :

  • Auszüge aus den Dramen von Max Frisch „Biographie: ein Spiel“, „Graf Öderland“, „Andorra“, „Don Juan, oder die Liebe zur Geometrie“ und dem Hörspiel „Rip van Winkle“.
  • Bekanntschaft mit der Problematik des Romans „Homo faber“ und der Verfilmung von Volker Schlöndorff.

Folgende Vorkenntnisse können vorausgesetzt werden:

  • die Grundproblematik des Schaffens von Max Frisch: der Kampf eines Menschen um seine subjektive und gegen seine objektive Identität.
  • die Begriffe: Outsider, gesellschaftliches Vorurteil, erstarrte Gesellschaft, persönliche Verweigerung der Anerkennung gesellschaftlicher Vorurteile, Gewalt und Recht, Verhängnis, Illusionen und Realität, Konformismus und Nonkonformismus, Pluralität der Möglichkeiten, Fiktives und Reales, Diskrepanz von faktischer und erlebter Wirklichkeit, Rollenwechsel, Hier-und-Jetzt und Vergangenes, Bewährung der Persönlichkeit, erfülltes Leben, ein-neues- Leben-beginnen, Alltag und Ideal, Sehnsucht nach Selbstverwirklichung.
  • Die Schweiz: eine 700 Jahre gewachsene Demokratie, entwickeltes Gemeindewesen; Selbstständigkeit der Kantone; 4 Staatssprachen und sprachliche Gliederung auf dem Territorium; Politische und militärische Neutralität des Staates im 20. Jahrhundert; keine Mitgliedschaft in vielen europäischen Organisationen, (EU, Europaparlament, Währungsvereinigung).

Hausaufgabe vor dem Unterricht:

  • Sein eigenes Heimatgefühl bedenken und schriftlich auf einer einzelnen Karte formulieren „Was ist für mich Heimat?“

Die Karten dem Lehrer abgeben.

  • Selbst auf die Fragen des Stoffes antworten, jede Antwort auf einer einzelnen Karte anfertigen.
  • Das früher über das Schaffen von Frisch und die Schweiz Erlernte wiederholen.

Mikrothemen in diesem Stoff:
Es lassen sich die folgenden Mikrothemen und die damit verbundene mentale Tätigkeit im Unterricht herausgliedern:

  • über den Begriff der Heimat nachzudenken;
  • sich über das Empfinden der Heimat im XXI. Jahrhundert auseinanderzusetzen;
  • die Begriffe „Eigenes“ und „Fremdes“ im Kontext des Heimatgefühls zu diskutieren;
  •  sich die Besonderheiten des Schaffens von Max Frisch bewusst zu machen;
  • die Aktualität von Frischens Wahrnehmung für uns in unserer Gegenwart;
  •  die eigentümliche Stelle der Schweiz in Europa anschneiden.

Unterrichtsverlauf:
Vor der Stunde lasse ich die Studenten die von ihnen vorbereiteten Karten mit den Antworten auf die Fragen des Fragebogens und auf 8 große Papierblätter pinnen, die an den Wänden befestigt werden. Da wir 17 Fragen haben, gruppiere ich die Antworten in Zweier- oder Dreiergruppen pro Blatt. So haben wir ein solches Bild: Frage 1,7 Frage 2,3 Frage 4,5 Frage 6,11 Frage 8,9,10 Frage12,13 Frage 14,15 Frage 16,17.

Der Unterricht beginnt. Die Studenten sitzen um einen großen Tisch herum.


Meine Worte.

Die zu erwartende Reaktion der TN
(Varianten zulässig!)

Anmerkungen

Formulieren wir das Thema unserer heutigen Diskussion.
Was nehmen wir als Stoff?

Heimatgefühl.

Fragebogen von Max Frisch.

Einführung

Wer war er?
Seine Werke?

Ein schweizerischer Schriftsteller.
Dramen „Biographie: ein Spiel“, „Graf Öderland“, „Andorra“, „Don Juan, oder die Liebe zur Geometrie“, Hörspiel „Rip van Winkle“, Romane „Homo faber“; „Mein Name sei Gantenbein“, „Stiller“

Die erste Orientierungs-
stufe

Die Grundidee seines Schaffens?
Die Hauptmotive seines Schaffens?

Der Kampf eines Menschen um seine subjektive und gegen seine objektive Identität.
Outsider, gesellschaftliches Vorurteil, erstarrte Gesellschaft, persönliche Verweigerung der Anerkennung gesellschaftlicher Vorurteile, Gewalt und Recht, Verhängnis, Illusionen und Realität, Konformismus und Nonkonformismus, Pluralität der Möglichkeiten, Fiktives und Reales, Diskrepanz von faktischer und erlebter Wirklichkeit, Rollenwechsel, Hier-und-Jetzt und Vergangenes, Bewährung der Persönlichkeit, erfülltes Leben, ein-neues- Leben-beginnen, Alltag und Ideal, Sehnsucht nach Selbstverwirklichung.
Jeden Begriff schreiben die Studenten auf einem Kärtchen.

Verbindung der Begriffe der analytischen Lektüre mit Stichworten für das Thema „Heimatgefühl“.

Lesen wir zusammen jede Frage des Fragebogens und bestimmen wir eine einheitliche Idee zu jeder Frage.

1 – Heimweh; 2 – Flagge (politisches Symbol); 3 – Facetten des Begriffs; 4 – Geografie; 5 – innerer Bezug; 6 – Verlust; 7 – Bräuche; 8 – Quantität in der Wahrnehmung; 9, 10 - Philosophische Seite; 11 – Wechseltrieb; 12, 13 – Pluralität; 14 - Ideologie; 15 – Manipulation; 16 – Identität; 17 – Freiheit.
Diese Resultate werden auch auf Kärtchen geschrieben.
Auf dem Tisch häufen sich Kärtchen. und

Bedenken des eigentlichen Stoffes.

Welche erarbeitenden Begriffe passen besser zu welchen Fragen des Fragebogens?

Die Studenten nehmen je 2-3 Karten und gehen zu den Blättern. Auf jedem der 8 Blätter sind schon die drei Typen von Karten befestigt. (1 – Hausantworten der Studenten, 2 – Begriffe aus dem Schaffen, 3 – verallgemeinerte Begriffe der Fragen)

Interaktive Tätigkeit.

Bilden Sie 4 Teams!
WählenSie ein großes Blatt und besprechen Sie die Materialien

Die Studenten zählen bis 4 ab und bilden Teams.
Es gibt 4 Teams, also werden einige Blätter besprochen, andere dagegen nicht. Kurze Zusammenfassung jedes Teams im Plenum.

Bedenken und Sprechen zum Thema, was Heimat sein kann.

Lesen Sie Auszüge aus einem weiteren Dokument von Max Frisch. Welche neuen Ansätze liefert es zum Verständnis unseres Themas?

Die Studenten lesen den Text „Schweiz als Heimat?“ (ANHANG 1).
Hier werden die Thesen von Frisch wiederholt und nach Möglichkeit kommentiert.

Entwicklung der Lesekompetenz.
Anwendung des Gelesenen für die Diskussion.

Warum gab es gerade in der Schweiz gute Voraussetzungen für die Entwicklung eines solchen Heimatgefühls wie das von Max Frisch?

Bedenken Sie die Begriffe „Eigenes“ und „Fremdes“.

Die Schweiz: eine 700 Jahre gewachsene Demokratie, entwickeltes Gemeindewesen; Selbstständigkeit der Kantone; 4 Staatssprachen und sprachliche Gliederung auf dem Territorium; ein immer militärisch neutraler Staat im XX. Jahrhundert; keine Mitgliedschaft in vielen europäischen Organisationen, (EU, Europaparlament, Währungsvereinigung). Freiheit, Pluralität der Meinungen, Mannigfaltigkeit der Entwicklung, aber die deutliche Nichtverschmelzung mit anderen Staaten.
In so einem demokratischen und multikulturellen Land wie der Schweiz, was ist eher zu erwarten: Grenze zwischen „Eigenem“ und „Fremden“ oder eher ihre Reduzierung? Äußerungen zu politischen Bedingungen der Toleranz zum „Fremden“.

Interdisziplinäre
Verbindung zur Landeskunde.
Bewusstmachen der Beziehung zwischen Bürger und Land.

Hier haben Sie einige Zitate aus bekannten Werken von Max Frisch. Zu welchen Fragen des Fragebogens können diese Gedanken passen?

Die Zitate stehen auf den Karten. (ANHANG 2). Die Studenten ordnen die Karten, suchen Gemeinsames in Frischs Auffassungen in ganz unterschiedlichen Quellen.

Stoff unter dem anderen Blickwinkel. Verbindung zur literarischen Tätigkeit.

Wie hat sich die Grundidee Frischs Schaffens - subjektive und objektive Identität -
in seiner Vorstellung der Heimat widergespiegelt?

Diskussion in Teams. Zu erwarten ist etwa: Objektiv kann ein Mensch einem Staat gehören, eine Staatsbürgerschaft haben, aber subjektiv kann er ein anderes Land als Heimat empfinden. Das Schicksal der Geburt müsste sich durch die Freiheit des Staates vervollkommnen, damit sich ein Mensch in diesen geographischen Grenzen geborgen und selbstidentisch fühlen kann.

Referenz zur Stilanalyse: das Thema wird stärker ausgeleuchtet. Brücke zu unserer russischen Realität.

Besprechen Sie in Teams: Welche Probleme mit der Identität können jetzt Vertreter verschiedener Nationalitäten in der GUS empfinden.

Zu erwarten sind eigene Vorstellungen der Studierenden, was sie gehört und gesehen haben müssten: Russen in den Nachfolgestaaten der UdSSR und Menschen dieser Staaten in Russland. Hier aber die Zeit- und Themengrenze deutlich angeben (Heimatgefühl!), sonst ist es grenzenlos: Baltikum, Kaukasus, Tschetschenien, Terror…und, und, und…

Verbindung der Gedanken eines großen verstorbenen Meisters mit der heutigen brennenden Realität

Besprechen Sie in Teams: Was könnten Sie dem Fragebogen zum Werk Max Frischs hinzufügen?

Jedes Team formuliert 1-3 Fragen.

Selbständiges kreatives Schreiben zum Thema.

Bilden Sie neue Teams.
Aufgabe steht auf dem Blatt, das jedes Team bekommt.

 

Aufgabe für Team 1: Welche sprachliche(n) Metapher(n) fällt (fallen) Ihnen beim Begriff „Heimat“ ein?
Aufgabe für Team 2: Welches Bild (Gemälde, Zeichnung) assoziieren Sie mit der Heimat?

Aufgabe für Team 3: Welches Zitat aus welchem Werk passt für Ihr Heimatgefühl?

Assoziatives Denken. Selbständige Ausarbeitung.

Überlegen Sie sich: Ist nach unserer Diskussion zu Ihrem Heimatgefühl etwas Neues hinzugekommen?

Ich gebe den Studenten Ihre Karten mit der vorherigen Hausaufgabe ( „Was ist für mich Heimat?“) zurück. Sie schreiben ein paar Begriffe hinzu.

Reflexion.

Evaluieren wir: Welche Mikrothemen haben wir in diesem Thema diskutiert?

über den Begriff der Heimat nachzudenken;
sich über das Empfinden der Heimat im XXI. Jahrhundert auseinanderzusetzen;
die Begriffe „Eigenes“ und „Fremdes“ im Kontext des Heimatgefühls zu diskutieren;
sich die Besonderheiten des Schaffens von Max Frisch bewusst zu machen;
die Aktualität von Frischs Wahrnehmung für uns in unserer Gegenwart;
die eigentümliche Stelle der Schweiz in Europa anschneiden.

Strukturelle
Zusammenfassung

Fazit:
Zur inhaltlichen Zusammenfassung sage ich:
Meine Damen und Herren! Zum Schluss sollten wir eigentlich den Grundgedanken formulieren: "Was ist Heimat“ oder die Begriffe nennen, in welchen diese Sphäre zum Vorschein kommt. Aber ich denke, dieses Gefühl ist so fein, ephemer, labyrinthartig, mannigfaltig und widersprüchlich, unaussprechlich, individuell und privat, so schwer erfassbar, dass es sich kaum jeglicher sachlichen arithmetischen Bilanz unterziehen lässt. Wenn etwas in unseren Herzen nach dieser Diskussion bleibt, wenn wir in der Alltagshektik für einen kurzen Moment stehen geblieben sind und eines der wichtigen Sphären jeder Persönlichkeit bedacht haben, können wir dem vor 17 Jahren verstorbenen großen schweizerischen Humanisten Max Frisch dankbar sein.

ANHANG 1.
Die Schweiz als Heimat? Rede zur Verleihung des Großen Schillerpreises (1974)
"Heimat hat mit Erinnerung zu tun [...] Heimat entsteht aus einer Fülle von Erinnerungen, die kaum noch datierbar sind." "Unsere Mundart gehört zu meiner Heimat." "...so ist Heimat ein Problem der Identität, d. h. ein Dilemma zwischen Fremdheit im Bezirk, dem wir zugeboren sind, oder Selbstentfremdung durch Anpassung." "Muss man sich in der Heimat wohl fühlen?" "Identifikation mit einer Mehrheit, die aus Angepassten besteht, als Kompensation für die versäumte oder durch gesellschaftlichen Zwang verhinderte Identität der Person mit sich selbst, das liegt jedem Chauvinismus zugrunde, Chauvinismus als das Gegenteil von Selbstbewusstsein." "Heimat ist nicht durch Behaglichkeit definiert." "Mit der schweizerischen Militär-Justiz, wo die Armee als Richter in eigner Sache richtet, kann ein Demokrat sich schwerlich identifizieren
ANHANG 2. Zitate aus Max Frisch.
"Spieluhren faszinieren mich: Figuren, die immer die gleichen Gesten machen, sobald es klimpert, und immer ist es dieselbe Walze, trotzdem ist man gespannt jedes Mal." Biografie: Ein Spiel (1967).
"Sie hatten die Wahl, Ihre Biografie zu ändern, das wünscht man sich manchmal, und was dabei herauskommt: Variationen des Banalen Biografie: Ein Spiel (1967).
Sehen Sie: Sie verhalten sich nicht zur Gegenwart, sondern zu einer Erinnerung. Das ist es. Sie meinen die Zukunft schon zu kennen durch ihre Erfahrung. Drum wird es jedesmal dieselbe Geschichte." Biografie: Ein Spiel (1967).
"Ein Mann hat eine Erfahrung gemacht, jetzt sucht er die Geschichte seiner Erfahrung..."Mein Name sei Gantenbein. Roman (1964).
"Es ist wie ein Sturz durch den Spiegel, mehr weiß er nicht, wenn er wieder erwacht, ein Sturz wie durch alle Spiegel, und nachher, kurz darauf, setzt die Welt sich wieder zusammen, als wäre nichts geschehen. Es ist auch nichts geschehen."Mein Name sei Gantenbein. Roman (1964).
"Ich probiere Geschichten an wie Kleider!" "Meine Name sei Gantenbein. Ich stelle mir vor: mein Leben mit einer großen Schauspielerin, die ich liebe und daher glauben lasse, ich sei blind; unser Glück infolgedessen. Ihr Name sei Lila. Mein Name sei Gantenbein. Roman (1964).
Ich bin nicht ihr Stiller. Was wollen sie von mir! Ich bin ein unglücklicher, nichtiger, unwesentlicher Mensch, der kein Leben hinter sich hat, überhaupt keines. Stiller. Roman (1954).
"Man kann alles erzählen, nur nicht sein wirkliches Leben -" ."Das ist es: ich habe keine Sprache für die Wirklichkeit." Stiller. Roman (1954).
"Meine Angst: die Wiederholung -!"   "Kann man schreiben, ohne eine Rolle zu spielen?" Stiller. Roman (1954).
"Vornherum sind sie freundlich und danken für das Fleisch, im Grunde halten sie jeden, der nicht in ihrem Tal geboren ist, für reich oder für einen Spinner." Der Mensch erscheint im Holozän. Eine Erzählung (1979).
Alles in allem ein grünes Tal, waldig wie zur Steinzeit. Ein Stausee ist nicht vorgesehen. Im August und September, nachts, sind Sternschnuppen zu sehen oder man hört ein Käuzchen." Der Mensch erscheint im Holozän. Eine Erzählung (1979).
"Was Herr Geiser insbesondere geschätzt hat, ist die Luft, die Abwesenheit von Industrie. Auch das Wasser der Bäche ist unverschmutzt wie im Mittelalter." Der Mensch erscheint im Holozän. Eine Erzählung (1979).
Wenn wir die Lüge einmal verlassen, die wie eine blanke Oberfläche glänzt, und diese Welt nicht bloß als Spiegel unseres Wunsches sehen, wenn wir es wissen wollen, wer wir sind, ach, Roderigo, dann hört unser Sturz nicht mehr auf, und es saust dir in den Ohren, dass du nicht mehr eißt, wo Gott wohnt. Stürze dich nicht in deine Seele, Roderigo, oder in irgendeine, sondern bleibe an der blauen Spiegelfläche wie die tanzenden Mücken über dem Wasser. Don Juan oder Die Liebe zur Geometrie (1953).
Es ist bemerkenswert, dass wir gerade von dem Menschen, den wir lieben, am mindesten aussagen können, wie er sei. Wir lieben ihn einfach. Eben darin besteht ja die Liebe, das Wunderbare an der Liebe, dass sie uns in der Schwebe des Lebendigen hält… Du sollst dir kein Bildnis machen.
Man höre bloß die Dichter, wenn sie lieben; sie tappen nach Vergleichen, als wären sie betrunken, sie greifen nach allen Dingen im All, nach Blumen und Tieren, nach Wolken, nach Sternen und Meeren. Warum? So wie das All, wie Gottes unerschöpfliche Geräumigkeit, unfassbar ist der Mensch, den man liebt- Nur die Liebe erträgt ihn so. Du sollst dir kein Bildnis machen.
Warum reisen wir? Auch dies, damit wir Menschen begegnen, die nicht meinen, dass sie uns kennen ein für allemal, damit wir noch einmal erfahren, was uns in diesem Leben möglich sei. Du sollst dir kein Bildnis machen
Unterwegs wieder einmal das Gefühl, der Körper sei leichter geworden, ganz leicht, als habe sich die Schwerkraft vermindert beim langen Gehen: alles, was ich einsehe, erscheint auch durchführbar, ich muß es nur nicht aussprechen, sondern tun. Du sollst dir kein Bildnis machen
Innenminister: Wir haben den geheimen Sicherungsdienst, wir überwachen unsere Bürger von der Wiege bis zum Grab, jeder Verdächtige wird sorgsam und oft über Jahre beobachtet, wir haben die bewährten Fragebogen, wir haben den neuen Bürgerschein mit Fingerabdruck, wir haben alles getan, um die feinde der Freiheit nicht aufkommen zu lassen…Max Frisch. Graf Öderland (1951).
Ich gehe durch ihre Mauern, als wären sie aus Nebel, und wo ich hinkomme, da stürzt ihre Ordnung zusammen wie ein Kartenhaus – und ich bin frei…Max Frisch. Graf Öderland (1951).

Literatur.

  • Frisch, Max. Biografie: Ein Spiel. Suhrkamp, 1985.
  • Frisch, Max. Der Mensch erscheint im Holozän. Eine Erzählung. Suhrkamp, 1981.
  • Frisch, Max. Don Juan oder Die Liebe zur Geometrie, Suhrkamp, 1973.
  • Frisch, Max. Fragebogen. Suhrkamp, 1992.
  • Frisch, Max. Graf Öderland. Suhrkamp, 1963.
  • Frisch, Max. Homo Faber. Suhrkamp, 2008.
  • Frisch, Max. Stich-Worte. Ausgesucht von Uwe Johnson. Suhrkamp, 1997.
  • Frisch, Max. Stiller. Suhrkamp, 1996.