WOZU DIENT LITERATUR IM DAF-UNTERRICHT?
IZABELA MARIA FURTADO KESTLER
Einführung
Im diesem Beitrag werde ich einige der aktuellen Forschungsansätzen zum Einsatz von Literatur im DaF-Unterricht vorstellen. Dabei werde ich auf einige der Gründe eingehen, die nach der aktuellen Forschung (Koppensteiner, Jürgen, 2001 u.a. ) die Arbeit mit Literatur im DaF-Unterricht rechtfertigen und begründen. Dieser Beitrag versteht sich als Anregung nicht nur zur didaktischen Aufbereitung von literarischen Texten sondern auch zu einem konsequenten Einsatz von produktiv-kreativen Techniken im DaF- Unterricht.
Theoretische Grundlagen
Literatur hat im Laufe der letzten 20 Jahre eindeutig Eingang in den DaF-Unterricht gefunden, wovon zahlreiche Veröffentlichungen zeugen. Darüber hinaus ist es festzustellen, dass das Thema in den letzten Jahren in den einschlägigen Fachkongressen-und Tagungen besondere Aufmerksamkeit verdient hat.1 In seinem Buch Aktiv und kreativ lernen. Projektorientierte Spracharbeit im Deutschunterricht (Deutsch als Fremdsprache)2 weist Rainer Wicke darauf hin, dass der produktive Einsatz von literarischen Texten im DaF-Unterricht sich erst nach der Übernahme der rezeptionsästhetischen Theorien auf die DaF-Lehrmethoden etabliert hat. Das heisst, dass der Einsatz von Literatur eng mit einem Paradigmenwechsel im Bereich der Germanistik verbunden ist. Früher wurden literarische Texte nur unter dem Blickwinckel der reinen philologischen Interpretationsarbeit im Unterricht behandelt. Die Rezeptionsforschung im Bereich der Literaturwissenschaft hat die Rezeption bzw. Wirkung des literarischen Werkes in den Mittelpunkt gerückt. Denn ein literarisches Werk existiert nicht an sich, sondern erst durch die Rezeption,d.h. durch die Interaktion mit den jeweiligen Lesern. Der Leser wird sodann zu einer Art von „Mitautor“ des von ihm rezipierten literarischen Werkes verstanden. Nach Karel Kosík: „Das Werk lebt, soweit es wirkt. In der Wirkung des Werkes ist inbegriffen, was sich sowohl im Konsumenten des Werkes als auch am Werk selbst vollzieht. (…) Das Werk ist ein Werk und lebt als ein Werk deshalb, weil es eine Interpretation fordert und in vielen Bedeutungen wirkt.“3 Dieser Forschungsansatz hat besonders in den 80erJahren des letzten Jahrhunderts einen groβen Einfluss auf die Literaturdidaktik ausgeübt. Zusammenfassend ist es anzumerken, dass die Rezeptionsästhetik auf die Interaktion zwischen Text und Rezipient und darüber hinaus auf die besondere Rolle des Lesers in der Konstruktion einer je nach historisch-kulturellen Erfahrungshorizont des jeweiligen Lesers Sinndeutung des Textes hingewiesen hat. Etwa zur gleichen Zeit hat der damals neu entstandene kommunikative Ansatz auch die Relevanz der Interaktion zwischen Lernenden und den jeweiligen zu lernenden Fremdsprachen besonders hervorgehoben. Seitdem ist der kommunikative Ansatz nicht aus der fremdsprachlichen Didaktik wegzudenken. In dem Gemeinsamen Europäischen Referenzrahmen für Sprachen wird der bevorzugte Ansatz foldermaβen beschrieben: „Der hier gewählte Ansatz ist im Großen und Ganzen 'handlungsorientiert', weil er Sprachverwendende und Sprachenlernende vor allem als 'sozial Handelnde' betrachtet, d.h. als Mitglieder einer Gesellschaft, die unter bestimmten Umständen und in spezifischen Umgebungen und Handlungsfeldern kommunikative Aufgaben bewältigen müssen, und zwar nicht nur sprachliche. ( …) Wir sprechen von kommunikativen 'Aufgaben', weil Menschen bei ihrer Ausführung ihre spezifischen Kompetenzen strategisch planvoll einsetzen, um ein bestimmtes Ergebnis zu erzielen. Der handlungsorientierte Ansatz berücksichtigt deshalb auch die kognitiven und emotionalen Möglichkeiten und die Absichten von Menschen sowie das ganze Spektrum der Fähigkeiten, über das Menschen verfügen und das sie als sozial Handelnde (soziale Akteure) einsetzen.”4 Der kommunikative Ansatz im Fremdsprachenerwerb stellte konsequenterweise neue Weichen für den produktiven Umgang mit Literatur im DaF-Unterricht. Sowohl Jürgen Koppensteiner als auch Rainer Wicke weisen auf die Pionierrolle von Lothar Bredella hin, der bereits in den 80er Jahren den Stellenwert der Literaturvermittlung im Rahmen der fremdsprachlichen Didaktik eine groβe Bedeutung zugemessen hat. Beruhend auf der Rezeptionsästhetik argumentierte Bredella, dass literarische Texte unter dem Gesichtspunkt der Interaktion zwischen Text und Leser sehr wohl im fremdsprachlichen Unterricht behandelt werden sollten: „Angesichts der offensichtlichen pädagogischen Bedeutung der Leseerfahrungen stellt sich die Frage, weshalb sie bisher kaum berücksichtigt wurden und weshalb die didaktisch-methodischen Möglichkeiten, die sich aus einer Hinwendung zu ihnen ergeben, kaum genutzt worden sind.“5 Nach Rainer Wicke hat der von Lothar Bredella propagierte Ansatz der Interaktion zwischen Text und Leser inzwischen einen festen Stellenwert in der Fremdsprachendidaktik.6 Auch die interkulturelle Germanistik, eine der folgenreichsten Neuansätze innerhalb der Germanistik der letzten zwanzig Jahre, hat laut Jürgen Koppensteiner die Diskussion um die Rolle von Literatur im Fremdsprachenunterricht entscheidend geprägt. Denn die interkulturelle Germanistik „geht von den Begriffen ‚Eigenkultur’ und ‚Fremdkultur’ aus. Sie betrachtet die deutschsprachige Literatur als eine ‚fremdkulturelle’, betont die ‚kultursemantischen’ Aspekte und sieht sich als eine ‚adressatenorientierte Wissenschaft kulturkontrastigen Zuschnitts’. (…) Bei der Literaturbetrachtung geht es aber nicht nur um Texte, sondern immer auch darum, an Hand von Texten die eigene Welt mit der fremdkulturellen zu vergleichen. Der fremdkulturelle Leser steht im Mittelpunkt. Wenn er sich mit Literatur beschäftigt, liegt der Schwerpunkt auf dem ‚Nachdenken und Reden über das, was die Welt als fremd auszeichnet’“.7 Ingrid Mummert vertritt auch dieselbe Ansicht in der folgenden Bemerkung zum Einsatz von Literatur im DaF-Unterricht: „Es geht beim Lesen auch um das Wiedererkennen eigener Lebenserfahrungen, um die Evokation von Emotionen, persönlichen Phantasien und Wünschen, um die Fähigkeit zur Identifikation. All dies begründet das Lesen von Literatur, soll es ‚gelingen’, d.h. sinnkonstituierend sein und Vergnügen bereiten. Die Lektüre kann dadurch aber auch begrenzen, irritieren, zu Missverständnissen führen, was das Lesevergnügen durchaus nicht ausschlieβen muss. In der neueren Literaturdiskussion steht die ganze Persönlichkeit des Lesers im Mittelpunkt – auf gleicher Ebene, mit den gleichen ‚Souveränitätsrechten’ wie der Author und sein literarischer Text.“8 Trotzdem melden sich immer wieder Stimmen gegen die Anwendung von literarischen Texten im DaF-Unterricht. Die Gegen-Argumente können folgendermassen zusammengefasst werden: Literarische Texte seien im Allgemeinen schwer verständlich, denn die literarische Sprache tendiere zu Abweichungen von der Sprache des täglichen Umgangs; Literatur liefere keine brauchbaren landeskundlichen Informationen, denn sie verfremde gerade die Wirklichkeit; Literatur ermögliche kein zufriedenstellendes Gespräch, keine Kommunikation im Klassenzimmer. Jürgen Koppensteiner listet in seinem oben erwähnten Buch die obigen Gegen–Argumente auf, um sein Plädoyer für die Anwendung von Literatur im DaF-Unterricht zu untermauern. Denn: Die Beschäftigung mit literarischen Texten im DaF-Unterricht kann seiner Meinung nach Folgendes leisten: - Literatur bietet einen Ausweg aus der Künstlichkeit von Texten- und Übungsangeboten in manchen Lehrbüchern. - Literarische Texte sprechen im Unterschied zu Sachtexten die affektiven Komponente des Rezepienten. Sie fordern die Phantasie des Lesers und können dadurch motivierend wirken. - Literatur vertieft die Erweiterung des Spracherwerbs durch Konnotationsbildung. -Literarische Texte können zum freien Ausdruck beim Schreibenlernen stimulieren. - Literatur schafft authetische Lern- und Kommunikationssituationen. Die aus dem Lehrbuch erlernten Dialoge bzw. Übungen lassen sich in der Realität nicht so leicht umsetzen. -Literarische Texte (Gedichte, Romane, Kurzgeschichte) kann man überall lesen. - Literatur trägt auch einen Beitrag zum Erwerb von Bildung. „Deutsch Lernende sollen zugleich mit dem Sprachsystem ein Stück spezifisch deutscher Sprachkultur erleben.“9 Es gibt nach Jürgen Koppensteiner, Harald Weinrich, Lothar Bredella und Rainer Wicke u.a. zahlreiche Argumente für die Anwendung von literarischen Texten im DaF-Unterricht. Die wohl provokanteste These wurde von Weinrich vorgelegt: „Eine Kultursprache als Fremdsprache lehren wollen, ohne gleichzeitig ihre Literatur mitzulehren ist eine Form der Barbarei (…) Die Literatur ist der Ort, an dem die Lernenden die sprachlichen und sachlichen Komplexität des fremden Landes am besten begegnen können.“10 Laut Ingrid Mummert spielt sich die didaktische Diskussion vor diesem oben kurz dargestellten theoretischen Hintergrund. Es geht sodann darum, welche Kriterien für die Auswahl literarischer Texten in Frage kommen und welche Methoden eines lerngerechten Umgangs mit diesen Texten im DaF-Unterricht angewandt werden sollten. Kriterien bei der Auswahl literarischer Texten Was die Lehr- und Lernziele beim Einsatz von Literatur im DaF-Unterricht anbelangt, gibt es bis heute nach Koppensteiner noch keinen Konsens. Dazu äuβert sich u.a. Silke Hayn: „Der literarische Text ist in der Zielsprache, die Auseinandersetzung mit dem Text erfolgt in der Zielsprache und wenn der Text in der Zielsprache geschrieben wurde, dann kann er auch noch Kulturträger der Zielsprache sein. Die Zielsprache ist zugleich Objekt und Verständigungsmittel. Dadurch und durch die Tatsache, dass Literatur eine Kunstform ist, führt die Beschäftigung mit Literatur nicht zu kontrollierbaren rationalen Ergebnissen. Dies wiederum macht es so schwierig klare, operationalisierte Lehrziele für den Literaturunterricht aufzustellen.“12 Trotzdem oder gerade deswegen eröffnet der Einsatz von Literatur im DaF-Unterricht viele Möglichkeit. Denn: Nach Bernd Kast bedeutet Umgang mit fremdsprachlicher Literatur immer auch Umgang mit der fremden Sprache dieser Literatur.13 Das Beschäftigungsfeld ist dermaβen riesig, dass man es kaum abstecken kann. Es geht also im Grunde genommen um die verschiedensten Möglichkeiten im Bereich der Herausbildung der vier Fertigkeiten: Hören, Sprechen, Lesen und Schreiben. Schreib- und Sprechanlässe können sich aus dem effektiven Einsatz von Liedern, Hörspielen, Kurztexten, Gedichten, Prosatexten usw. ergeben. Kreaktive und ästhetische Aktivitäten können auch zum Tragen kommen. Zum Lehrzielbereich Landeskunde ist anzumerken, dass Literatur an sich von konkreten, gesellschaftlichen, historischen Bedingungen geprägt wird. D.h., dass der Einsatz von deutschsprachiger Literatur im DaF-Unterricht auch zum Verständnis bzw. zur Kenntnisnahme der fremden deutschsprachigen Kultur beiträgt. BIBLIOGRAPHIE: HAYN, Silke. Lehrziele beim Einsatz von Literatur im DaF-Unterricht. Seminar: Literaturdidaktik und –methodik. WS 2005/2006: Johannes Gutenberg-Universität. |
1 - Dazu u.a.: Mummert, Ingrid: “Literatur im Unterricht Deutsch als Fremdsprache”, In: Deutsch als Fremdsprache. Zeitschrift zur Theorie und Praxis des Deutschunterrichts für Ausländer. (1993), Hef 2, 30. Jahrgang. Hrsg. Herder-Institut. München & Berlin: Langenscheidt. S. 110-111.
2 München: Hueber Verlag 2004.
3 - Kosík, K.: Dialektik des Konkreten S. 138/9, zitiert nach: Jauβ, Hans Robert: Literaturgeschichte als Provokation. Frankfurt a.M.: Suhrkamp 1970. p. 163.
4 - Gemeinsamer Europäischer Referenzrahmen für Sprachen: lernen, lehren, beurteilen, In: http://www.goethe.de/z/50/commeuro/deindex.htm. Kapitel 2.1.
5- Bredella, Lothar: “Literarische Texte im Fremdsprachenunterricht: Gründe und Methoden“, Literarische Texte im kommunikativen Fremdsprachenunterricht: Protokoll eines Werkstattgesprächs des Goethe House New York im September 1984. Hrsg. von Manfred Heid und Referat 41 des Goethe-Instituts München. New York: Goethe House, 1985. S. 365.
6 - Wicke, Rainer: Aktiv und kreativ lernen. Projektorientierte Spracharbeit im Unterricht Deutsch als Fremdsprache. München: Hueber Verlag, 2004. S. 77.
7 - Koppensteiner, Jürgen: Literatur im DaF-Unterricht. Eine Einführung in produktiv-kreative Techniken. Wien: öbv & hpt, 2001. S. 30-31.
8 - Mummert, Ingrid: Literatur im Unterricht Deutsch als Fremdsprache …S. 110-111.
9 - Ib.Ibd. S. 19.
10 - Weinrich , Harald. ‘Die vernachlässigte Fertigkeit’: lterarische Lektüre im Fremdsprachenunterricht“. Literarische Texte in der Unterrichtspraxis I. Seminarbericht. München: Goethe-Institut, 1984. S. 11.
11 - Koppensteiner, Jürgen: op.cit. S. 42.
12 - Hayn, Silke: Lehrziele beim Einsatz von Literatur im DaF-Unterricht. Seminar: Literaturdidaktik und – methodik. Wintersemester 2005/2006- Johannes Gutenberg-Universität- Deutsches Institut Deutsch als Fremdsprache. S. 3.
13 - Kast, Bernd: Jugendliteratur im kommunikativen Deutschunterricht. Berlin: Langenscheidt, 1985. S. 35.
14- Gemeinsamer Europäischer Referenzrahmen für Sprachen: lernen, lehren, beurteilen, In: http://www.goethe.de/z/50/commeuro/deindex.htm. Kapitel 4.3.5.
15 - Heidermann, Werner: „Mit einem Bein im Alltag und mit anderen über dem Menschsein – eine literarische angereicherte Betrachtung des Gemeinsamen Europäischen Referenzrahmens für Sprachen“, In: Projekt. Revista dos Professores de Alemão no Brasil. Hrsg. von ABRAPA.Nr. 46, April 2008. S. 10.
16 -www.uni-giessen.de/DGFF07/Sektionen Programm/Sektion 3.pdf

