Literarische Texte von Nichtmuttersprachlern im Fremdsprachenunterricht?
Überlegungen zu einem kaum genutzten didaktischen Potential

Dr. Georg Wink, DAAD-Lektor/UFMG

Der Einsatz von literarischen Texten im Fremdsprachenunterricht ist aufgrund der positiven Wirkungen (Authentizität und Intensität der sprachlichen Gestaltung, implizite Vermittlung landeskundlicher Kenntnisse) seit geraumer Zeit nicht mehr umstritten. Unbefriedigend ist jedoch weiterhin die Auswahl geeigneter Texte. Problematisch erweisen sich paradoxerweise die der literarischen Form inhärenten Schwierigkeiten (Polysemie, Konnotation, Metapher) sowie die Verfestigung kultureller Stereotype durch einen eng gefassten literarischen Kanon. Einen Ansatz zur Lösung dieses Problems bieten möglicherweise innerhalb der so genannten "Migrationsliteratur" nichtmuttersprachliche Texte. Deren explizite und oft spielerische Auseinandersetzung mit der Fremdsprache Deutsch und das Hinterfragen des traditionellen Deutschlandbildes durch eine hybride Perspektive relativieren die Festlegung der Lernenden auf die "fremdkulturelle" Rezeption, repräsentieren den gesellschaftlichen Wandel in Deutschland und entfalten nicht zuletzt eine wirkungsvolle Motivation zur selbstbewussten Sprachbemächtigung.
Stichwörter: Literatur im Fremdsprachenunterricht, Migrationsliteratur, Transkulturalität

            Die grundsätzliche Frage, warum es sinnvoll ist, im Fremdsprachenunterricht mit literarischen Texten zu arbeiten, ist in den letzten Jahren durch eine breite Diskussion bejaht worden. Es kann nicht nur ästhetischer Gewinn aus der Auseinandersetzung mit intensiv gestalteten Texten gezogen werden, insbesondere, wenn sich das globale Lernziel an umfassender Sprachkompetenz orientiert und ein literarisches Interesse bei der Zielgruppe vorhanden ist, sondern vielfältige Möglichkeiten, die Texte als Basis für weiterführende Aktivitäten zu nutzen, sprechen neben den Rezeptionskompetenzen auch kommunikative und Textproduktionskompetenzen an. Zudem eröffnen literarische Texte durch ihren Einblick in die gesellschaftlich-kulturelle Wirklichkeit authentische und vielseitige Quelle für landeskundliche Informationen. Nicht zuletzt bietet gerade diese Authentizität die Möglichkeit, einem Grundübel des Fremdsprachenunterrichts, nämlich der "vorgetäuschten" Sprachverwendung, entgegenzuwirken: Literarische Texte wurden nicht für didaktische Zwecke geschrieben und die Textarbeit erfolgt meist nicht nur, um Lerneffekte in der Fremdsprache zu erzielen. In der Praxis bringt Literatur im Fremdsprachenunterricht allerdings auch Probleme mit sich. Wohl jeder Lehrende wird auf die Schwierigkeit gestoßen sein, dass literarische Texte eine weitgehende Vertrautheit mit deren Kontext voraussetzt. Die Assoziationsfähigkeit von Textdenotat und Textreferenz gestaltet sich umso schwieriger, je weniger vertraut die Lernenden mit dem gesellschaftlichen Erfahrungsspektrum sind – dessen Erkenntnis als landeskundlicher Nebeneffekt ja gerade angestrebt wird. Es geht also weniger darum, ob Literatur im Fremdsprachenunterricht eingesetzt werden kann, sondern wie innerhalb des breiten Angebots bestimmte Texte ausgewählt werden können, um dieses Problem zu verringern.
            Üblicherweise zählen zu den Auswahlkriterien: 1) die landeskundliche Relevanz der Texte, 2) der Grad der Abweichung von der Norm der Gegenwartssprache, 3) die literarische Repräsentativität (Kanon), 4) der sprachliche Schwierigkeitsgrad. Die ersten drei Kriterien sind allerdings alles andere als klar, denn sie setzen just dort Gewissheit voraus, wo im beginnenden 21. Jahrhundert Zweifel angebracht wären. Bereits der Begriff der landeskundlichen Relevanz zeigt, dass es sich bei den erwünschten Darstellungen Deutschlands – im Fall von Österreich und der Schweiz verhält es sich ähnlich – nicht um empirische Abbilder handelt, sondern um perspektivenabhängige Teilansichten, deren Auswahl durch Interessen gesteuert sind. Die Norm der deutschen Gegenwartssprache ist gegenwärtig weder klar, noch verbindlich. Dies lassen zumindest die angestrengten Versuche zur Konservierung einer Sprachvariante vermuten, die einen Standard herbei zu schreiben suchen, wo sich Sprachwandel vollzieht. Und zwischen dem "nationalen" Literaturkanon und den innerhalb eines außerliterarisch über Staats- oder Sprachgrenzen definierten Kontextes tatsächlich geschriebenen Texten dürfte sich so manche Unstimmigkeit feststellen lassen. Somit bleibt noch der sprachliche Schwierigkeitsgrad, der – wie ich oben gezeigt habe – teilweise mit der "fremdkulturellen" Erfahrung zusammenhängt. Wäre es denkbar, dass sich diese Hürde zwischen "außenstehenden" Deutschlernenden und "eingeweihten" deutschen Lesern verkleinert, wenn diese Opposition in Frage gestellt wird?
            Mögliche Antworten auf diese Zweifel und Fragen haben etwas mit dem Transformationsprozess zu tun, in dem sich derzeit die Gesellschaft Deutschlands – mehr unbewusst als bewusst – befindet. In seiner Rede im Berliner Haus der Kulturen der Welt mahnte zur Jahr­tausendwende der frühere Bundespräsident Johannes Rau sinngemäß an, Deutschland müsse in allen Bereichen des gesellschaftlichen Lebens umdenken. Er bezog sich damit auf die bekannte Tatsache, dass die kollektive Vor- und Darstellung von "Deutschland" in zunehmenden Maß mit der gelebten Wirklichkeit auseinander fällt. Geprägt wird diese Wirklichkeit nämlich auch durch etwa dreißig Millionen Menschen aus mehreren dutzend Ländern, die seit den 1950er Jahren in der Bundesrepublik gelebt und gewirkt haben. Nach Angaben des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge (www.bamf.de) tun dies fast acht Millionen Menschen weiterhin, sind also in diesem Moment nahezu ein Zehntel Teil der real existierenden Gesellschaft Deutschlands, skandalöserweise ohne dass sie die deutsche Staatsangehörigkeit und damit die vollständigen Bürgerrechte besitzen. Bezieht man die Menschen ein, welche diese Rechte durch Einbürgerungsantrag oder durch Geburt nach dem 1. Januar 2000 erlangt haben, verdoppelt sich deren Zahl und Anteil. Vernachlässigen wir jetzt die verschleiernden Durchschnittswerte und nehmen eine geographische Differenzierung vor – und seit 1945 war die Bundesrepublik nie uneinheitlicher – , zeigt sich, dass 98% dieser Menschen in der ehemaligen Bundesrepublik leben und dort in Ländern wie Baden-Württemberg, Hessen und Hamburg einen Anteil von über 25%, in Städten wie Stuttgart, Frankfurt und München, aber auch Hanau, Ludwigshafen und Augsburg sogar annähernd 40% der Bevölkerung ausmachen (Statistisches Bundesamt 2008). Dass diese Menschen nicht in absehbarer Zeit die Mehrheit der Bevölkerung in Deutschland stellen werden, sondern den Hauptteil der deutschen Bevölkerung, darin liegt die Herausforderung des von Rau angemahnten Transformationsprozesses, der sich inzwischen in der Priorität der Integrationspolitik institutionalisiert hat. Die Ausmaße des kulturellen Wandels bergen hierbei noch manche Überraschung, denn wenn zu einem zukünftigen Zeitpunkt eine schwäbische Ortschaft von einer übergroßen Mehrheit muslimischer Deutscher bewohnt sein wird, warum sollte an Stelle viertelstündlichen Kirchglockengebimmels nicht fünfmal am Tag der Ruf des Muezzin erschallen, wenn doch beides durch das Grundgesetz garantiert ist?1 Auch in der Außenperspektive des DaF-Unterrichts wird dieser Transformationsprozess zunehmend Berücksichtigung finden müssen, um nicht die Lernenden solchen oder anderen Überraschungseffekten auszusetzen.
            Ein ähnlicher Wandel vollzieht sich in der deutschen Sprache. Neue Varietäten, die in Migrantenmilieus entstanden sind, werden in der Sprachwissenschaft nicht mehr nur unter dem Gesichtspunkt des Defizits (Präpositionsschwund, neutrales Genus, Routinen wie fremdsprachliche Diskursmarker, Interjektionen und Anredeformen) wahrgenommen, sondern als kreative und hybride Sprachgestaltung in Form einer mixed language oder eines "Multisprech" (Erfurt 2003:5ff.) erkannt und in das universelle Phänomen der sprachlichen Kreolisierung eingeordnet. In der öffentlichen Meinung überwiegt freilich noch die Sichtweise als Problem: Politiker, die gern ihre Bodenständigkeit mit der Anekdote illustrieren, dass sie erst auf der Schule Hochdeutsch gelernt hätten, entsetzen sich im gleichen Atemzug darüber, dass Migrantenkinder ohne ausreichende Sprachkenntnisse eingeschult würden. War es nicht immer die Aufgabe der Schule, solide Kenntnisse in der Verkehrssprache eines Staates zu vermitteln? Wenn in heutiger Zeit der Gebrauch von Dialekten abnimmt und deutschsprachige Vorschulkinder bereits eine Variante des Deutschen – die Sprache der Massenmedien – beherrschen, müssen dennoch Kinder, deren Sprache durch andere Einflüsse geformt wird, auf selbstverständliche Weise die "Standardvariante" des Deutschen für Ausbildung und Beruf vermittelt bekommen. Welche Sprache(n) sie zusätzlich aus welchen Gründen auch immer sprechen, ist a priori als eine positive Zusatzkompetenz zu werten und in keiner Weise als ein Defizit (Meier-Braun 2002:15ff.). Die glottophobe Warnung vor der defizitären Zweisprachigkeit und der Appell an die Preisgabe anderer familiärer Sprachkenntnisse  übersieht, dass 80% der Migranten eine sehr gute Sprachkompetenz des Deutschen besitzt, dass im "Multisprech" auch deutsche Dialekte gepflegt werden (der frühere Stuttgarter Oberbürgermeister Rommel stellte bereits vor Jahren klar, dass die Einwandererkinder besser schwäbisch schwätzten als autochtone Sprecher) und dass die Varietäten inzwischen nicht mehr auf Migrantenmilieus beschränkt sind, sondern in den urbanen Jugendszenen zusehends auf deutsche Muttersprachler abfärben, es sich also nicht um einen Ethnolekt, sondern um ein beidseitiges language crossing handelt.2 Den dudenhaften Umgang mit der Sprache verspottete einmal der Autor Gino Chiellino (2003:31) mit der Bemerkung: "Abgesehen von den Fehlern ist mein Deutsch perfekt." Nach ihm habe die Einwanderung der letzten Jahrzehnte ein Umdenken in der deutschen Sprache ausgelöst, das mit der Latinisierung der germanischen Sprachen und mit dem Versuch Martin Luthers, das Deutsche in Bezug auf den Kontext seiner Sprecher dialogfähig zu machen, ähnelte (Chiellino 2003:32, 61). Wie bereichernd dieser Kreolisierungsprozess sein kann, ist seit der Proklamation der "Kanak-Sprak" von Feridun Zaimoğlu und dessen veröffentlichten Nachdichtungen weitgehend anerkannt.
            Trotzdem besteht eine Tendenz fort, auch weiterhin aus dem Literaturkanon Werke auszuklammern, die nach Juan Goytisolo (1994:12) zu den interessantesten literarischen Ausdrücken der Gegenwart gehören. Dabei hat die Literatur von Migranten, die so genannte "Migrationsliteratur", in Deutschland eine lange Tradition. Sieht man von den illustren Vorgängern Louis Charles Adélaide de Chamisso und Elias Canetti ab – an ihrem Anfang standen in den siebziger Jahren die Schilderungen des "Gastarbeiteralltags" mit seinen Diskriminierungen. Seit den achtziger Jahren hat sich das thematische und stilistische Spektrum jedoch stark geweitet und reicht zum Beispiel von surrealistischen Katzenkrimis (Akif Pirinçci) über existentialistische Identitätssuchen (Emine Sevgi Özdamar) und experimentelle Poesie (Zehra Çirak) bis hin zu den Romanen des angry young man Selim Özdogan. Im Fall des letztgenannten Autors zeigt sich, dass der Begriff "Migrationsliteratur" überholungsbedürftig ist, denn wäre nicht dessen verräterischer Name, keiner käme auf die Idee, seinem Werk dieses Etikett zu verpassen. Gegen die wohlmeinende Reduzierung dieser Literatur auf eine "empirische Wahrheit über das Migrantenleben" (Amadeo 1996:22), gegen die soziologische Wertschätzung als Wortergreifen der Subalternen und Anklage ihrer Marginalisierung, wenden sich in jüngster Zeit viele Autoren und mit besonderer Vehemenz der Schriftsteller und Philosoph Zafer Şenocak, der Filmemacher Fatih Akın und der bereits erwähnte Feridun Zaimoğlu: Die Kategorien zur Erfassung und Bewertung der "Migrationsliteratur" beruhten auf Konstrukten von Kulturen in Binäropposition, welche erst den vermeintlichen und stets zitierten Zustand "zwischen zwei Welten" und die daraus abgeleitete Identitätskrise schafften. Für Zaimoğlu ist Identität ein "Schwindelwort", "Gehirngewichse" und darüber hinaus "Dreh- und Angelpunkt des westlichen Bewusstseins", das Subjekt hingegen erhebt er zum "Knoten- und Kreuzungspunkt der Sprachen, Ordnungen, Diskurse, Systeme wie auch der Wahrnehmungen, Begehren, Emotionen, Bewusstseinsprozesse, die es durchziehen" (in Lottmann 1999:84).3 Konsequenterweise lehnt er daher auch die positiv gemeinten "ewigen ethnischen Zuschreibungen" der "Multikultifotzen" und das "kultivierte Fremdsein" im Selbstverständnis der Einwanderer als Korsetts ab; auf die Literatur habe dies einen kontraproduktive Effekt ausgeübt: "Eine weinerliche, sich anbiedernde und öffentlich geförderte 'Gastarbeiterliteratur' verbreitet seit Ende der 70er Jahre die Legende vom 'armen, aber herzensguten Türken Ali'" (Zaimoğlu 1995:12). Stattdessen ruft er zur Befreiung aus der Opferrolle auf: "Schluss mit Weinerlichkeit!" (Zaimoğlu/Abel 2003:162). Weniger provokativ, jedoch im gleichen Sinn fordert Şenocak eine "negative Hermeneutik, um die Wunden der Verständigung zu heilen, die von der öffentlichen Fixierung auf das Eigene und das Fremde verursacht werden" (Şenocak 1994:28). In seiner Essaysammlung mit dem prophetischen Titel "Atlas des tropischen Deutschland" setzt er dem beidseitigen kulturellen Essentialismus und territorialen Verständnis von Identität die Mitwirkung an der "Konstituierung der neuen deutschen Kultur" entgegen, "die in der globalisierten Welt – wenn sie es überhaupt jemals war – keine nationale Kultur mehr sein kann, sondern eine Hybridkultur" (Şenocak 1992:14ff.). Demzufolge existiert keine "interkulturelle Begegnung" zwischen der deutschen Kultur und etwas außerhalb von ihr, sondern ein Spannungsfeld zwischen deutscher Vergangenheit und deutscher Gegenwart. Die vermeintlich emanzipatorische Betrachtungsweise als "Migrationsliteratur" oder "interkulturelle Literatur" wird dem Phänomen dieser Autoren nicht gerecht, sondern sie blockiert deren umfassenderes Verständnis, indem sie diese implizit außerhalb der deutschen Kultur verortet: "Die imaginierte Brücke 'zwischen zwei Welten' ist dazu gedacht, voneinander abgegrenzte Welten genau in der Weise auseinanderzuhalten, in der sie vorgibt, sie zusammenzubringen" (Adelson 2006:38).
            Was wäre, wenn man sich die Autoren auf der Brücke als "angekommen" vorstellte? Wenn man die Wut eines Feridun Zaimoğlu nicht als die eines "Ausländers", sondern als die eines zutiefst aus dem Inneren der Gesellschaft protestierenden Kritikers verstünde? "Viele Kanakster sind Deutsche. Du bist in dem Moment Kanakster, wo du die Gesellschaft durchschaust." (Zaimoğlu in Lottmann 1999:83). Und wenn man diese gesellschaftskritische und hybride Literatur nicht über das biographische Detail der Migration ihrer Autorinnen und Autoren definierte, sondern über den avantgardistischen Gesamtausdruck, in Inhalt, Sprache und Stil? Die in jüngster Zeit erschienenen Anthologien versuchen auf unterschiedliche Weise die traditionelle Begrifflichkeit abzuwandeln: "Döner in Walhalla: Texte aus der anderen deutschen Literatur" (Trojanow 2000) spielt mit der Symbiose zweier stereotyper Symbole und weist gleichzeitig darauf hin, das etwas "anderes" und gleichsam "deutsches" in der Entstehung begriffen ist. "Feuer, Lebenslust: Erzählungen deutscher Einwanderer" (o.Hg. 2003) provoziert durch zwei der Zaimoğlu so verhassten "Zuschreibungen" und ironisiert das Gesagte durch die Charakterisierung der Bezeichneten als "deutsch". "MorgenLand: Neueste deutsche Literatur" (Tuschick 2000) schließlich ist eine doppelte Anspielung, auf die alte Mär von der Dichotomie des Orient und Okzident und auf Deutschlands Zukunft, und geht hinsichtlich der Inklusion und des Aufbrechens des monolithischen Kulturbegriff am Weitesten. Aber ob sich diese Umschreibung des Phänomens durchsetzen kann? 
            Dass die neueste deutsche Literatur im Kanon wie im DaF-Unterricht Berücksichtigung finden sollte, um ein aktuelles Bild Deutschlands und seiner Kultur(en) zu vermitteln, ist über das bisher Gesagte deutlich geworden. Offen bleibt hingegen die Frage, inwieweit gerade die Auswahl solcher Texte – selbstverständlich meine ich damit nicht die dichten philosophischen und poetischen Texte Zafer Şenocaks und Feridun Zaimoğlus – und insbesondere diejenigen, die nicht von Muttersprachlern verfasst wurden, den Lernenden entgegenkommen können, indem sie die Hürden des sprachliche Schwierigkeitsgrads und die "fremdkulturelle" Distanz verringern. Argumente dafür sind die in den meisten nichtmuttersprachlichen Texten anzutreffende explizite Thematisierung des sonst implizierten gesellschaftlichen Kontext durch die eigene Fremdperspektive (kulturelle Sensibilität), die Auseinandersetzung des eigenen Sprachlernprozesses, den jeder Deutschlernende nachvollziehen kann (sprachliche Sensibilität) und die daraus entstehende Identifizierung der Lernenden (Motivation).
            Im Werk der Schriftstellerin Yoko Tawada finden sich gleich mehrere Auseinandersetzungen mit altbekannten grammatikalischen Fallstricken: Der Schwierigkeit, Substantive in Gruppen unterschiedlichen Geschlechts zu unterteilen, versucht sie mit der Assoziation männlicher, weiblicher und sächlicher Merkmale zu begegnen. Im Fall von Abstrakta und vor allem von Gegenständen bewirkt diese attribuierte Geschlechtlichkeit in ihrer Wahrnehmung bald eine Animiertheit, die Objekte werden für sie zu Lebewesen mit denen sich bald eine gewisse Vertrautheit einstellt, wie mit der Schreibmaschine als "Sprachmutter". Dies erlaubt auch den Konflikt mit dem Gegenstand, den sie unter Muttersprachlern wieder zu finden glaubt, als sie beobachtet, wie sich eine Kollegin über eine abbrechende Bleistiftspitze entzürnt. Ähnlich verfährt sie mit dem Wörtchen "es" in der Funktion als Platzhalter. Auch in diesem Fall stellt sich eine Belebtheit ein, die zum Beispiel im Satz "es regnet" einen verborgenen Akteur, eine geheimnisvolle Entität entstehen lässt (Tawada 2000 9ff.). Die Autorin macht das kreative Potential dieser Strategien, die wohl den meisten Lernenden ähnlich bewusst wurden, deutlich: "In der Muttersprache sind die Worte den Menschen angeheftet, so daß man selten spielerische Freude an der Sprache empfinden kann. Dort klammern sich die Gedanken so fest an die Worte, daß weder die ersteren noch die letzteren frei fliegen können." (Tawada 2000:15). Die Ermutigung dürfte kaum einen Lernenden unberührt lassen – geht man doch stets davon aus, dass man sich "selbstverständlich" in der Muttersprache besser ausdrücken könne. Bei weiter fortgeschrittenen Kenntnissen ist dies nicht notwendigerweise so, denn in einer Fremdsprache kann man sich nicht durch Vagheit und taken for granted Formulierungen um eine Aussage herummogeln, die nicht gründlich durchdacht wurde, weshalb man Nichtmuttersprachler oft erst an der ungewöhnlichen Präzision ihrer Aussagen erkennt.4 Die Einladung zum Spiel mit den Wörtern hat übrigens wohl keiner so ernst genommen wie der brasilianisch-bayrische Schriftsteller und Filmemacher Zé do Rock, der – recht eigenwillig, aber mit verblüffender Sachkenntnis – die deutsche Orthographie und teilweise auch die Grammatik zum "Ultradeutsch" reformierte. Das Ergebnis überzeugte zwar sogar das Institut für deutsche Sprache in Mannheim, aber selbstverständlich kann keinem Lerner zugemutet werden, sich zusätzlich mit einer Idiographie vertraut zu machen. Seine unorthodoxe Analyse von zusammengesetzten Substantiven – zum Beispiel "argwohn - asylantenunterkunft, geistesabwesenheit - gespenstermangel, steuerknüppel - waffe zur zwangseintreibung von abgaben" (Zé do Rock 1997:26) – lässt sich hingegen an geeigneter Stelle in den Sprachunterricht integrieren.
            Eine überaus reiche semantische Erfahrung der deutschen Sprache thematisiert die Autorin Marica Bodrožić in ihrem Roman "Sterne erben, Sterne färben: Meine Ankunft in Wörtern". In ihrer Sprachwahrnehmung lassen morphemische und graphemische Ähnlichkeiten Bildbrücken entstehen, die im "Keller der Wörter" Bedeutungszusammenhänge zum Beispiel zwischen "Engel" und "Enge", "Wunder" und "Wunde", "Leib" und "Liebe" herstellen (Bodrožić 2007:14f.). Ähnliche Assoziationen wecken in ihr semantische Valenzen. Im Deutschen "ruft" sie sich nicht, wie man im Serbokroatischen einen Lift ruft, sondern sie "heißt": "Der eigene Name, ein Worttanz, plötzlich, darin die Verheißung; wer bin ich jetzt!" (Bodrožić 2007:94). Ebenso die Polysemie des Verbs "ausweisen", die aus der transitiven und reflexiven Verwendung entsteht: "Jemand kann ausgewiesen werden. Und er kann sich selbst ausweisen. Was wäre, wenn uns zeitgleich beides geschähe?" (Bodrožić 2007:67). Auch sie stimmt übrigens darin überein, dass die Verwendung der Fremdsprache ein Quell der Kreativität sein kann: "Das Größere der Freiheit ist mir im Deutschen möglich geworden, gerade durch den Entzug alles Vertrauten" (Bodrožić 2007:18). Fast bewusstseinserweiterndes Wörterhaschen lässt sich in ihren lautmalerischen Gedichten "Sonnentau" und "Lilienliebhaber" erleben.
            Der Telegrammstil des Dichters und Prosaisten Said ist – im Gegensatz zu den bisher genannten Autorinnen – auch für den Mittelstufenunterricht zugänglich. In "bekenntnisse eines chamäleons" versucht er ebenfalls die dominante Hierarchie aus Muttersprache und Fremdsprache zu relativieren: "das armselige tier glaubt heute noch, seine muttersprache zu beherrschen. beherrschen? wir beherrschen nie eine sprache, bestenfalls beherrschen die sprachen uns." An gleicher Stelle schöpft er gegen die Doktrin des multikulturellen Monokulturalismus eine starke Metapher: Er schreibt von "zwei flüssen", die er in sich trägt, und davon, dass sie manchmal die Plätze tauschen, ohne ihm Bescheid zu geben (Said 2006:59f.). Möglicherweise ist gerade diese Metapher eine Antwort auf die irreführende interkulturelle Vorstellung von "überbrückbaren" Kulturdifferenzen, von Identität und Alterität, wie sie Leslie A. Adelson kritisiert hat. Das fluviale Bild passt mit seiner Dynamik ("man steigt nie zweimal…"), mit seiner Verborgenheit unter der Oberfläche (seit Freud wissen wir, dass "das Fremde" in uns selbst schwappt) und durch die Verwendung des Wasserelements (fähig zum Zusammenfließen und Vermischen) tatsächlich besser zu einer Vorstellung von Transkulturalität – und entspricht wohl auch eher der Selbstwahrnehmung der Migrationserfahrung: Auch Marica Bodrožić (2007:143) erwähnt die "Entdeckung meiner selbst als Flussexistenz". In "Landschaften einer fernen Mutter" kritisiert Said gängige stereotype Fremdbilder über Deutschland und die deutsche Sprache und zeigt die emotionale Verbundenheit eines seiner Flüsse:
"er kennt das bild des hässlichen deutschen, ohne je einen deutschen gekannt zu haben: / 'die deutschen sind fleißig, sauber, brutal, technisch begabt, ehrlich, gefühlsarm, rassisten, nazis.' […] und sie kennen von dieser sprache nur einige fetzen aus billigen amerikanischen filmen: / 'achtung! stillgestanden! heil hitler! sauerkraut!' jahrelang bin ich auf diese frage hin wie ein pawlowscher hund aufgesprungen, habe eine kassette eingelegt, mit der stimme des unvergeßlichen oskar werner, der rilke zitiert, mörike und trakl. […] bis ich gemerkt habe, daß ich doch der verlierer bleibe. / sie brauchen – wie alle anderen mehrheiten auch – ihre vorurteile über die anderen, um sich selbst zu zelebrieren. um an sich selbst nichts zu rühren. / doch dazu bin ich zu wenig aus einem guß. zu sehr kompositum." (Said 2003:107f)
            Der bekannteste nichtmuttersprachliche Schriftsteller – und einer der bekanntesten der deutschen Gegenwartsliteratur – ist Wladmimir Kaminer. Seine Kurzgeschichten auf meist zwei bis drei Seiten, geschrieben in einer unverwechselbar lakonischen, knappen und gleichzeitig innovativen und witzigen Sprache stellen auch in der Grundstufe keine übergroße Schwierigkeit dar. Zudem ist Kaminer nicht nur ein geduldiger Lerner der deutschen Sprache, sondern auch ein genauer und kritischer Beobachter des deutschen Alltags jenseits von Stereotypisierungen und eignet sich daher besonders für eine Bewusstmachung des gesellschaftlichen Kontextes. In "Geschäftstarnungen" erzählt er von einem Versuch, seinem Besuch aus Moskau die "typischen Ecken von Berlin" zu zeigen. Erschöpft landen sie in einem türkischen Imbiss, in dem plötzlich vertraute Klänge ertönen. Mit der Frage "Hören die Türken immer nachts bulgarische Lieder?" (Kaminer 2000:97) wendet sich der Erzähler an seinen anthropologisch geschulten Freund und vollzieht damit eine erste ironische Brechung der kulturtypischen Wahrnehmung. Interessiert geht er dann den weiteren kulturellen Fassaden auf den Grund und muss feststellen, dass italienische Restaurants von Griechen, indische von Tunesiern, chinesische von Vietnamesen betrieben werden – und schließlich sogar die afroamerikanische Voodoo-Kneipe von einem Belgier. Die gastronomische Landschaft erweist sich in ihrer Beliebigkeit der Verwendung kultureller Etiketten als ein Abbild der individuellen und temporären kulturellen Identifizierungen, wie sie die postmodernen Cultural Studies mit den Begriffen der Hybridität und der Repräsentation zu beschreiben versuchten. Doch eine Identifizierung entzieht sich Kaminer noch auf seiner Suche nach der "letzten unverfälschten Wahrheit", nämlich "wer die so genannten Deutschen sind, die diese typisch einheimischen Läden mit Eisbein und Sauerkraut betreiben." (Kaminer 2000:99). Vielleicht ist dies als eine Aufforderung an seine Leserschaft zu verstehen, die enorme Bereicherung der deutschen Gegenwartskultur zu begreifen und deren Repräsentanten – auch wenn sie nicht Müller, Di Lorenzo oder Schimanski heißen und man für Zafer Şenocak sogar eine Sondertastenkombination bemühen muss – als solche zu erkennen: Fatih Akın ist schlicht und ergreifend ein deutscher Filmemacher, eben weil das, was die Güte seiner Filme ausmacht, inzwischen ebenso zum Reichtum deutscher Kultur gehört, wie das Vermächtnis seines illustren Vorgängers in der Preisverleihung von Cannes, Volker Schlöndorff. Aus Danzig wird Istanbul. Ein Klagelied, ob des befürchteten Entschwindens deutscher Kultur, ist übrigens kaum angebracht, denkt man etwa an den Verlagslektoren, der sich beflissen fühlte, im Gedicht "Hälfte des Gartens" von Imre Török – mittlerweile Bundesvorsitzender des Verbands deutscher Schriftsteller – den Vers "im Winde klirren die Fahnen" hinsichtlich eines falschen Verbs korrigieren zu müssen (Amirsedghi/Bleicher 1997:127). Hölderlin ist, wallah billah, in der neuesten deutschen Literatur gut aufgehoben.

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1 Die Erwähnung des Grundgesetzes mag Beunruhigungen hinsichtlich der demokratischen Stabilität und des sozialen Friedens in Deutschland ausgelöst haben. Tatsächlich lassen sich diese jedoch nicht durch empirische Studien untermauern. Nach der Konrad-Adenauer-Stiftung (2001:7), die wohl kaum einer beschönigenden Tendenz verdächtig ist, würden 50% der in Deutschland ansässigen Türken das Land gegen eine militärische Invasion eines "islamischen" Staates verteidigen. Diese Zahl gewinnt an Brisanz, stellt man sie den 42% der Ostdeutschen gegenüber, die eine gleiche Bereitschaft zeigten. Breiter Zustimmung erfreuten sich in der türkischen Minderheit auch Demokratie, Menschenrechten und Gleichberechtigung.

2 Eine soziolinguistische Studie in Hamburg erbrachte das Ergebnis, dass der Gebrauch eines deutsch-türkischen Kreol als lingua franca Jugendlichen deutscher Muttersprache durch ungesteuerten Spracherwerb ein breites Spektrum an türkischen Sprachkenntnissen vermittelt, von der Übernahme einzelner Sprachelemente bis hin zu Mittelstufenkompetenzen (Dirim/Auer 2003:59).

3 Für die Schriftstellerin Marica Bodrožić (2007:65) ist nationale Identität ein "antrainierter geographischer Reflex" und sie gibt zu bedenken: "Wie unbesitzbar Nationalität ist, merkt jeder, der sich nur ein bisschen hinauswagt, weg aus seinem staubig kleinen, hinein in eine größere Welt. Das Größere ist immer das uns noch Unbekannte. Es ist nicht das Fremde."

4 Bekannt ist die Äußerung des emigrierten deutschen Kunstpsychologen Rudolf Arnheim: "Auf englisch muß ich die Wahrheit sagen, oder ich bin verloren." (in Chiellino 2003:79).