Dr. Carmen Schier
schier@uni-leipzig.de
Schattenwesen? Zum Männerbild in der neueren deutschsprachigen
Literatur von Frauen. Eine Projektskizze zur Einbeziehung von Literatur
in Deutsch als Fremdsprache
Das in diesem Beitrag vorgestellte Literaturprojekt ist sowohl als eigenständige Veranstaltung umsetzbar oder kann -in reduzierter Form- integrativer Bestandteil des DaF-Unterrichts sein. Im Mittelpunkt stehen Texte von Sibylle Berg, Karen Duve und Judith Hermann. Diese jungen Autorinnen eröffnen Deutschlernern im Ausland nicht nur ein weitgehend unbekanntes Terrain deutschsprachiger Literatur, sondern konfrontieren sie durch ihre Werke auch mit einem Rollenbild vom Mann, das von dem Rollenverständnis der meisten DaF-Lehrwerke gehörig abweicht. Die Frage, was männlich ist und wie der Mann, ist demzufolge auch unter interkultureller bzw. landeskundlicher Perspektive interessant. Methodische Überlegungen zur Aufbereitung des Themas sollen dem Lehrer Anregungen für die eigene Arbeit zu dieser Problematik geben.
Junge deutschsprachige Literatur von Frauen
Männerbild und Rollenverständnis in verschiedenen Kulturen
Einbindung literarischer Texte in den DaF-Unterricht
Einleitung
Im Rahmen meiner Arbeit als DAAD-Lektorin an der Universidade Federal do Paraná (UFPR) in Curitiba (Brasilien) konzipierte und organisierte ich 2005 gemeinsam mit der brasilianischen Theaterwissenschaftlerin Nara Heemann eine szenische Lesung zu Auszügen von Texten junger deutscher Autorinnen, die zu diesem Zeitpunkt in Deutschland in aller Munde waren und bereits über Ländergrenzen hinweg äußerst erfolgreich ihre Bücher verkauften, dazu gehörten u.a. Sibylle Berg, Karen Duve und Judith Hermann. Vielen Protagonisten ihrer sonst sehr unterschiedlichen Werke ist eines gemeinsam: sie machen sich -teilweise bis an die Ränder der Welt- auf, ihr Glück oder zumindest ein Leben zu suchen. Auf viele brasilianische Leser und Zuhörer wirkten die Figuren sperrig, konnte man sich doch so gar nicht mit ihnen identifizieren, schlimmer noch, ihr Denken und Tun war nur schwer nachvollziehbar. Ihre ewige, oft erfolglose Suche und für Brasilianer nur schwer erträgliche Trägheit und kraftlose Passivität ließen sie zwar nicht sofort zu Anti-Helden werden, aber sie blieben so seltsam fremd, wurden nicht greifbar, gewannen nicht wirklich an Gestalt. Das unausgefüllte Leben der Helden wird gnadenlos beobachtet, mitunter reflektieren sie selbst fast gleichgültig über ihren öden Alltag. In den Augen der meisten meiner brasilianischen Studenten blieben sie zunächst dennoch emotional eher blass und vermochten es nicht, sie als Leser wirklich zu berühren. Zu fremd auch der Kontext, denn allesamt sind sie irgendwie Einzelkämpfer, denen häufig weder Familie noch Freunde zur Seite stehen, ihre Beziehungen zu sich selbst und zu anderen sind ohnehin mehr oder weniger gestört.
„Er (sagte) manchmal: ’Ich liebe dich.’ Das tat er nicht, und ich erwartete es auch nicht. Weswegen hätte er mich lieben sollen?’(…)Tom deprimierte mich ebenfalls, wenn auch auf andere Weise als Thies. Eigentlich ging mir das mit den meisten Leuten so. Vielleicht verstand ich sie auch bloß nicht.“ (Duve 1999: 36/37)
Weder die Helden noch die Erzähler erklären und verorten diese Störungen umfassend, dieses wertfreie „Einfach-Dasein“ und die präzisen Beobachtungen der Autorinnen verunsicherten Leser und Zuhörer. Auf der einen Seite viel Zerrüttung, doch ein Happy End oder ein dramatisches Ende fehlen gleichermaßen. Schwach, kraftlos, unfertig, müde schon richten sich einige Figuren ein, suchen scheinbar nur halbherzig nach Orientierung.
TOM “Ich bin was über 30. Ich liege in meinem Bett und auf mir liegt eine Elch-Wärmflasche. Neben meinem Bett steht ein Buch. Aufgeschlagen (…) ich bin müde. Vielleicht weil ich älter werde, und wann, eigentlich, kommen Männer in die Midlife-Krise? (…) Erwachsen sind die mit 40. Die erkenne ich von weitem. Die Leute, die so alt sind wie ich, wissen alle nicht, wie das geht, mit dem Leben (…) Die Kollegen, die ich habe, sind so alt wie ich. Sie tragen Anzüge und reden in Meetings über wordings, locations und motivationale Schubkraft.
(…) ich werde morgen aufstehen und ein neues Leben anfangen. Echt. Ich glaub, das mach ich.“(Berg 1997: 36/37)
„Es ist gut zu wissen, dass Magnus sich fürchtet, vor dem Zusammenleben, dem Entschluss und dem Ende fürchtet, sie fürchtet sich auch.“ (Hermann 2003: 74)
HELGE „ Ich war mal in Venedig gewesen (...) Ich könnte jetzt nicht sagen, ich fahr dahin, um zu sterben. Das würde eine Klarheit voraussetzen, die ich nicht habe. Zuviel Anstrengung…“(Berg 1997: 70)
Die beschriebene Anziehungskraft der Figuren untereinander ist häufig sexueller Natur, beziehungsfähig sind sie eher nicht. Sind sie noch glücksfähig? Die Sprache der Texte ist sehr eigen, von kühl sachlich über spröde dürr und schneidend analytisch bis zu gewitzt ironisch. Der Humor fehlt nicht, ist aber oft bitter-böse.
„Thies sagte, dass er sich umbringen wollte. (…) aber jedes Mal, wenn er versucht hatte, mich anzurufen, war ich nicht zu Hause gewesen. Und er wollte es nicht tun, ohne dass ich davon wusste (…) ‚Tu’s nicht’, sagte ich, ‚es ist völlig unnötig. In spätestens fünfzig Jahren stirbst du von ganz allein.’“ (Duve 1999: 39)
So platzen Illusionen, schwimmen Ideale davon. Kein Retter in Sicht, auch nicht für den Leser. Und die Männer: Schattenwesen.
„Er war wirklich sehr unscheinbar. Einmal hatte ich mit angesehen, wie auf der Strasse ein Hund in ihn hineinlief, als würde er gar nicht existieren.“ (Duve 1999: 34)
„Tom war nicht unbedingt sympathisch. Er war rücksichtslos, vielleicht auch ein bisschen dumm (…) aber jedenfalls konnte ein Zweifel daran bestehen, dass er lebte. Thies war wie ein Schatten, wie eine unansehnliche Pflanze, eine Schote oder so etwas, oder wie ein Stein. Ich verstand nicht mehr, wie ich ihn je hatte berühren können.“ (Duve 1999: 34)
Keines der Wunschklischees vom Mann greift, kaum eine Spur von Stärke, Kraft, Intelligenz, Größe oder Beschützerrolle. Dennoch zogen die Texte die Leser in ihren Bann, übten die Geschichten - nicht zuletzt wegen der unerklärlichen und unerklärten Vorgänge im Innern der Figuren - eine Sogwirkung aus.
„Es gab nichts. Es gab kein Wort, das zwischen uns hätte stehen können, kein Schweigen und keine Vertrautheit, noch nicht einmal ein Entsetzen über den anderen (…) keine einzige Bewegung rührte mich mehr (…) Ich (…) wandte mich ihm sofort zu, er würde es falsch verstehen, ich wusste das, aber es gab keine andere Möglichkeit, als ihn sofort zu berühren…“(Hermann 2003: 53)
„Jonina verliebt sich in Jonas am 3. Dezember um kurz vor elf Uhr am Morgen auf der Strasse (…) So ist es gewesen (…) Dieses Gefühl, dass Jonina für Magnus hat, taucht ab und wieder auf und ist zu Jonas hinübergewechselt, leicht wie eine Feder, eindeutig und ohne Schmerz, das ist das Schrecklichste, absolut schmerzlos.“ (Hermann 2003: 108/09)
So lag es schließlich auf der Hand, ein thematisches Literaturseminar anzubieten, dort den Figuren dieser Texte, ihren Beziehungen und dem damit verbundenen Zeitgeist nachzuspüren. Ich entschloss mich, dabei die Männer in den Blick zu nehmen, obgleich in diesen Geschichten von Frauen, die Männer nicht unbedingt im Mittelpunkt stehen. Warum der Blick auf den Mann?
Zur Rolle des Mannes im Spiegel der Gesellschaft
Das Seminar „Schattenwesen? Zum Männerbild in der neueren deutschsprachigen Literatur
von Frauen“ im Rahmen der Germanistikausbildung an der UFPR war offen für DaF-Lerner anderer Fachbereiche und sollte nicht nur Lust auf mehr junge deutschsprachige Literatur machen, sondern auch den Blick auf kulturelle Aspekte lenken, denn der moderne Mann und seine veränderte Rolle war längst auch ein gesellschaftlich relevantes Thema und ist es geblieben. So beantworteten beispielsweise 2006 sechs Zeit-Autoren die Frage, was männlich ist, versuchte Der Spiegel nach 50 Jahren Emanzipation herauszufinden, was vom Mann noch übrig blieb. (vgl. Die Zeit-Online 2006 und Der Spiegel 2008) Selbst die Zeitung der Leipziger Universität widmete sich dem Mann als „unerforschtes Wesen“ und warf die Frage auf, ob die Universität einen Männertag braucht, da trotz der Feminisierung einiger Studiengänge die Leipziger Universität eine Männeruniversität geblieben ist. (journal 2007: 1 und 24) Schließlich gibt es bereits seit dem 03. November 2000 einen Welttag des Mannes. Die Initiative dazu ging übrigens von Österreich aus, wo sich dafür vor allem die Gorbatschow-Foundation und die Stadt Wien stark gemacht hatten.
„Männer haben Muskeln. Männer sind furchtbar stark. Männer können alles (...)”, Herbert Grönemeyers Ode an den Mann, geschrieben vor über 20 Jahren, hielt längst ihren Einzug in den DaF-Unterricht und in DaF-Lehrbücher. (vgl. Sichtwechsel 1996: 22) Das Bild des Mannes in der westlichen Gesellschaft durchlief in den letzten Jahrzehnten viele Phasen, inzwischen bestehen sehr unterschiedliche Bilder nebeneinander: der starke Patriarch, der verständnisvolle Softie, der verführerische Macho, der metrosexuelle Mann. Der Mann zwischen allen Extremen. Wie wird man heute zum Mann? Ausgehend von aktuellen Publikationen zum Thema ist diese Frage durchaus für den DaF-Unterricht interessant, weil sie Einblick gibt in Diskussions- und Veränderungsprozesse einer Gesellschaft, einen öffentlichen Rahmen hat, in dem privat, abhängig von Alter, Herkunft und Erziehung, Umfeld, Wertorientierungen und Überzeugungen höchst individuell gelebt wird.
Mein Projekt wurde für 15 Lehrveranstaltungen á 90 Minuten konzipiert und setzte bei den Teilnehmern Deutschkenntnisse Ende B1-Niveau voraus, eine Arbeit zu diesem Thema kann natürlich auch nur für einige Stunden geplant werden. Die Auswahl der literarischen Texte wurde durch Sachtexte ergänzt, die Planung war offen für die Wünsche der Lerner.
Die Projektskizze
a) Die Brücke zu den literarischen Texten
Auf der Basis der verschiedenen Zeit-Artikel, in denen über den Widerspruch ein Mann zu sein und die neuen Rollenbilder reflektiert wird, habe ich mit den Kursteilnehmern zunächst das Meinungsbild zum Thema Männlichkeit umrissen und zur in Brasilien geführten Debatte in Beziehung gesetzt. „ Was (…)‚männlich’ ist? Wir wussten es mal sehr genau: stark, loyal, tapfer, ritterlich – die Schwachen beschützend (…) Das war einmal.“, sagt der Herausgeber der Zeit, Josef Joffe, und kommt schließlich zu dem Schluss: „Wir wissen es nicht mehr.“ (Joffe 2006: 1) Hier ging es nicht nur um gängige Klischees und Stereotype, sondern um konkrete Erwartungshaltungen an den Mann sowie akzeptierte und weniger akzeptierte Rollenbilder in der Gesellschaft. Dieser Bereich kann im DaF-Unterricht durch die Einbeziehung weiterer Texte (etwa aus anderen Zeitepochen oder dem jeweiligen Land, in dem das Seminar stattfindet) beliebig erweitert, gestützt oder kontrastiert werden.
Die Frage nach der Männlichkeit ist zwangsläufig auch mit einem äußeren Bild vom Mann verknüpft. Unbestritten besitzt auch der menschliche Körper Kulturen und Mentalitäten übergreifende Relevanz im gegenwärtigen gesellschaftlichen Diskurs.¹ Der Körper ist in den
westlichen Kulturen der Ort des Selbst. Er gibt dem Selbst Raum und grenzt es schützend
¹ Feststellungen wie "... die Körperlichkeit (feiert) ein Comeback. Es ist jedoch eine neue Körperlichkeit - entstanden aus der Rückbesinnung auf den Körper nach einer langen Phase der Negation desselben." (Kühn 2002: 15) oder Ursachenforschung, dass es "der Verlust sinnstiftender Weltauslegung und damit verbundener Leitbilder“ sei, der „eine Lücke (hinterlässt), welche Wissenschaft und Technik nicht zu füllen vermögen“, und die nun vom „Leibliche(n) als Leib-Selbst bzw. als Bedürfnissubjekt" besetzt werde (Holzhey-Kunz 1987: 66), mögen die Bedeutung des menschlichen Körpers als Thema in den Geisteswissenschaften verdeutlichen. Darüber hinaus macht ihn seine beinahe ständige Präsenz in den Medien zum Gegenstand allgemeiner Aufmerksamkeit.
gegen seine Umgebung ab. Gleichzeitig aber ist er das Darstellungsobjekt, das auf andere
wirkt bzw. auf das andere reagieren.
„Thies war noch bleicher und aufgeschwemmter als das letzte Mal, seine Haare sahen fettig aus (…) Die ganze Zeit zuckte er mit den Augenlidern und trommelte mit den Fingern irgendwo gegen.“ (Duve 1999: 34)
KARL „Ruth ist so alt wie ich. Ihr Körper riecht alt. Ich kenne diesen Geruch von mir. Also irgendwann, so mit 40 hat das angefangen. Da roch irgendwas (…) Dann kam ich drauf, dass ich das bin. Da half kein Duschen, kein Deo. Es roch. Muffig. Dumpf. Der Geruch alter Körper. Gespeicherte Giftstoffe.“ (Berg 1997: 54)
„Jonas trägt eine ähnliche Jacke aus braunem Wildleder (…), eine Hippiejacke für ein winterliches Woodstock, natürlich trägt er sie offen (…) Er sieht sexuell aus. Es ist das erste Wort, das Jonina für ihn einfällt, er sieht sexuell aus…“ (Hermann 2003: 76/77)
Diese Tatsache und die Anregung einer Studentin führten dazu, in die Seminararbeit die
11-teilige Fotoserie „Mit uns ein Gefühl“ von Rabea Eipperle einzubinden, die sich in ihrer Aktionskunst mit Rollenmustern zwischen Mann und Frau in unserer Gesellschaft beschäftigt und diese für eine verschobene Neuinszenierung nutzt. In Eipperles Bildern stellt die Fotografin selbst als Frau die Konstante dar, während die Männer wechseln. (vgl. Eipperle 2003)
Redet man über die Körperlichkeit des Menschen, muss zwangsläufig auch der ausdrucksfähigste und wandlungsfähigste Teil desselben zur Sprache kommen: das Gesicht. Am ehesten dort, wird vermutet, spiegelt sich unsere innere Welt wider, ihm wird gar
unterstellt, "Organ der 'Aufrichtigkeit’ “ zu sein (Olschanski 2001: 29). Dem steht nicht
entgegen, dass der Mensch von Kindheit an lernt, diese zunächst unbewussten Äußerungen so zu steuern, dass sie der Erfüllung seiner Wünsche dienlich sind.
„Manchmal kann sie sein wirkliches Gesicht sehen. Am ehesten dann, wenn er seine Brille nicht trägt und seine Haare nass sind (…) Sie kann sehen, wie gefährlich er eigentlich ist (…) Sein eigentlicher Ausdruck ist nicht offen, aber freundlich, sein Gesicht ist schmal und jungenhaft, klar geschnitten und schön, es ist nichts Auffälliges darin. Vielleicht ist sein Mund ein wenig zu kindlich (…) Sie kann nur manchmal sehen, dass sein Gesicht eigentlich kalt ist, ein aggressives, forderndes, entschlossenes und kaltes Gesicht (…) Die Kälte stößt sie nicht ab. Sie zieht sie auch nicht an. Es ist die Kälte eines Fremden (…) mit dem sie auch hunderttausend Jahre verbringen könnte, sie würde ihn doch niemals kennen.“ (Hermann 2003: 86)
„Ich konnte seine Stimme immer noch hören, und ich konnte sein Gesicht im Spiegel sehen, ein waches, klares Gesicht, er trug seine Brille nicht, er sah konzentriert aus (…) Sein Profil dagegen war eher unschön, ein vorgeschobenes Kinn, eine niedrige Stirn (…) sein Körper schwer und massig (…) Ich konnte Ruths Stimme hören – ich weiß nicht, körperlich vielleicht, bisschen asozial- …“ (Hermann 2003: 23)
Gleichzeitig hat der Mensch Spaß an der Verwandlung seines Gesichts, Lust, in eine Rolle zu schlüpfen. Diese Lust lässt sich historisch weit zurückverfolgen. Parallel zur Gesichts- und Körperbemalung entwickelten sich auch Masken, die anfangs vor allem kultische Bedeutung besaßen und eine religiös-mythische Funktion erfüllten. Die Maske in ihrer übertragenen Bedeutung heute erleichtert es dem Menschen, in seiner Welt und im besten Sinne des Wortes, Theater zu spielen. Und doch bestimmt der Gedanke, häufig nur eine Rolle zu spielen, die eigene Identität, das sogenannte wahre Ich jedoch im Verborgenen halten zu müssen oder nur auserwählten Personen offenbaren zu können, die durchaus negative Konnotation der Maske im sozialen Kontext mit. Diese Betrachtung allerdings übersieht die Notwendigkeit, in der Gesellschaft eine oder mehrere Rollen spielen und die entsprechenden Masken tragen zu müssen, denn die Rolle, so wie sie verbirgt, "dient (dazu), ... die persönliche Integrität zu schützen, soziale Distanz herzustellen und nicht zuletzt das soziale Prestige der eigenen Rolle zu sichern." (Eisermann 1991: 253) "Die Maske", so der Soziologe Roger Caillois, "ist das wahre soziale Band." (Caillois 1982: 95) In der Erzählung „Selbstversuch“ lässt Christa Wolf die Protagonistin fragen: „Wissen Sie, was ‚Person’ heißt? Maske. Rolle. Wirkliches Selbst.“ (Wolf 1983: 126) Damit waren nicht nur die Schlüsselwörter für eine Diskussion um männliche Identität, Rollen und Maske gegeben, sondern die Brücken zu den literarischen Texten geschlagen.
Integrativer Bestandteil des Seminars wurde ein 90 minütiger Maskenworkshop, in dem die Kursteilnehmer zunächst durch Abdrücke vom Gesicht einfache, weiße Gipsmasken herstellten, die sie zu Hause bearbeiten konnten (bemalen, bekleben, färben, zusätzliche Materialien verwenden ect.). Ihre Aufgabe bestand darin, die Masken so verändern, dass eine Männerolle sichtbar wird. Passend zu diesem Ergebnis sollte schließlich von ihnen selbst ein kleiner literarischer Text ausgewählt werden, der den Ausdruck und die Aussage ihrer Maske unterstreicht und ergänzt. Nach dem ersten unkommentierten Vorstellen aller Masken im Plenum wurden von den Studenten -mit der jeweiligen Maske vorm Gesicht- die dazugehörigen literarischen Texte vorgetragen. Dieses motivationsfördernde ganzheitliche Herangehen offenbarte noch einmal die ganze Komplexität des Themas und gab unter einer ersten Einbeziehung von Literatur der Diskussion eine neue Gestalt.
b) Zur Arbeit mit den literarischen Texten
Im Zentrum der Besprechung der literarischen Texte standen die Erzählungen „Ruth (Freundinnen)“ und „Kaltblau“ aus Judith Hermanns Erzählband Nichts als Gespenster¹,
Auszüge aus dem Episodenroman von Sibylle Berg Ein paar Leute suchen das Glück und
¹ Nichts als Gespenster wurde 2007 von Martin Gypkens verfilmt.
lachen sich tot und die Erzählungen „89/90“ und „Die Miami Dream Men Show“ aus Karen Duves Erzählsammlung Keine Ahnung. Ergänzt wurden diese Texte durch Auszüge anderer Werke der genannten Autorinnen sowie durch Texte von Tanja Dückers, Juli Zeh und ausgewählte Lyrik verschiedener junger Autorinnen ¹. Dabei habe ich vor allem auf das Mitsprache- bzw. Vorschlagsrecht der Studenten zurückgegriffen.
Die Lektüre der literarischen Texte erfolgte zu Hause, zunächst in der Regel ohne jede lenkenden Fragen. Danach wurden die Texte im Seminar besprochen und analysiert, wobei
das methodische Vorgehen höchst unterschiedlich war; Ausgangspunkt war jedoch stets der
erste Leseeindruck. Die Kursteilnehmer näherten sich in Gruppen über verschiedene
Aufgabenstellungen den Figuren und dem konkreten Text. Immer wieder wurde an die vorab diskutierten männlichen Rollenbilder angeknüpft, wurden diese hinterfragt. Der Auslotung des jeweiligen Interpretationsspielraums diente das gefühlsbetonte und ausdrucksvolle Lesen einzelner Passagen ebenso wie das „In-Szene-setzen“ von bestimmten Situationen. Bei anderen Texten diente die Erstellung eines kleinen „Fotoromans“ dazu, Schlüsseltextstellen zu finden und durch entsprechende Bilder zu verstärken bzw. zu illustrieren. Auch das Auswählen von passender Musik zur Charakterisierung einzelner Figuren sorgte für viel Diskussionsstoff und förderte die Empathie, genauso wie die Tagebucheinträge, die die Kursteilnehmer an Stelle der handelnden Textprotagonisten verfassten. Natürlich wurden von Anfang an unterschiedliche Rezensionen zu den literarischen Werken in die Textarbeit einbezogen, die nicht nur den Bezug zu den Autorinnen herstellten, sondern die Positionen der Kursteilnehmer stärkten oder ihren Widerspruch provozierten oder sie einfach nur konstruktiv verunsicherten. In jedem Falle aber wurden die in der Debatte angeführten Argumente immer anhand der literarischen Texte geprüft. Die sehr unterschiedliche, äußerst markante Sprache der genannten Autorinnen bot ein sehr weites Betätigungsfeld. Ich möchte an dieser Stelle bewusst darauf verzichten, auf die konkreten Texte und die Arbeit mit ihnen im Einzelnen einzugehen. Die inhaltliche Auseinandersetzung mit so unterschiedlichen Texten während eines ganzen Semesters kann in einem Artikel nicht angemessen dargestellt
werden. Darüber hinaus ging es nicht um eine literaturwissenschaftliche Interpretation der Texte oder die Vermittlung von Überblickswissen. In der Veranstaltung sollte den
Teilnehmern Lust auf junge deutschsprachige Literatur gemacht werden, verortet im Kontext
¹ In ein Folgeseminar wurden Auszüge des Romans Die Klavierspielerin einbezogen. Das Buch passte zum Thema, auch wenn Elfriede Jelinek nicht mehr zur jungen Schriftstellergeneration gehört. Sie bekam zu dieser Zeit den Nobelpreis für Literatur und in den brasilianischen Kinos lief die Verfilmung ihres Romans.
eigener Lektüre- und Welterfahrung in einem spezifischen kulturellen Umfeld und mit Blick auf konkrete gesellschaftliche Rahmenbedingungen. Durch den kleinen Ausschnitt der Arbeit junger Autorinnen sollte der künstlerisch-ästhetische Anspruch von Literatur heute gezeigt werden, die heutigen Inhalte junger Literatur zur Diskussion gestellt werden. Die Arbeit an und mit der Sprache sollte die Schönheit und das Potential von Sprache verdeutlichen und keinesfalls zu einer Art erweiterter Wortschatzarbeit verkommen.
Ergänzende Möglichkeiten innerhalb der Themenspektrums
Wie bereits erwähnt, hatten die Kursteilnehmer die Möglichkeit, durch kleine Referate und Projekte selbst Vorschläge für die Unterrichtsgestaltung zu machen. Die Vielzahl und die Vielfalt ihrer Angebote zeigten nicht nur die Breite innerhalb des Themenspektrums, sondern komplimentierten auf spezielle Weise das Seminarangebot, hier eine kleine Auswahl der Themen:
- Geschlechtstypisierende Sozialisation: Die Darstellung von Jungen und Männern in Bilderbüchern
- Männer in der jungen brasilianischen Literatur am Beispiel von Adriana Lunardi
- Männerbilder in der deutschen Musik
- Das Männerbild in deutschen und brasilianischen Frauenzeitschriften
- Frauen über Männer: Eine kleine Sprachanalyse der Web-Blogs
- „Männlichkeit“ und „Weiblichkeit“ im Rechtsextremismus: Konstruktion und Inszenierung
- Empirische Studien zu Geschlechtervorstellungen von Grundschülern
Mögliches literarisches Fazit?
„Ich lebe so ein bisschen wie ein Tier. Ich weiß nicht, ob das so verkehrt ist (…) die meisten Tiere fragen sich nicht andauernd, was sie mit ihrem Leben anstellen sollen. Vielleicht sind sie glücklich. Ich würde sehr gerne mal mit einigen befreundeten Tieren über dieses Thema reden.“ (Berg 1997: Buchrücken)
Literatur
Berg, S. (1997): Ein paar Leute suchen das Glück und lachen sich tot. Leipzig: Reclam
Caillois, R. (1982): Die Spiele und die Menschen, Maske und Rausch. Frankfurt/Berlin/Wien: Ullstein
Der Spiegel. Emanzipation. Was vom Mann noch übrig ist. 26 (2008), 42-53
Die Zeit - Online. Was ist männlich? In: http://www.zeit.de/online/2006/24/maennlich-autorenantwort
Dückers, T. (2002): Café Brazil. Berlin: Aufbau Taschenbuch Verlag
Duve, K. (1999): „89/09“ und „Die Miami Dream Men Show“. In: Keine Ahnung. Frankfurt a. M.: Suhrkamp, 30-46 bzw. 60-72
Eipperle, R. (2003). Mit uns ein Gefühl. Fotoserie. In: www.rabeaeipperle.de
Eisermann, G. (1991). Rollen und Masken. Tübingen: Mohr
Hermann, J. (2003): „Kaltblau“ und „Ruth (Freundinnen)“ In: Nichts als Gespenster. Frankfurt a.M.: Fischer Verlag, 61-120 bzw. 11-60
Holzhey-Kunz, A. (1987): "Der Leib als Existenzial.". In: Holzhey, H. & Leyvraz, J.- P. (Hrsg.): Körper Geist Maschine. Beiträge zum Leib-Seele-Problem. Bern/Stuttgart: Haupt, 54-67.
Jelinek, E. (2001): Die Klavierspielerin. Hamburg: Rowohlt Taschenbuch Verlag
Joffe, J. (2006). In: Die Zeit – Online: Was ist männlich? In: http://www.zeit.de/online/2006/24/maennlich-autorenantwort
journal. Universität Leipzig. 6/2007, 24-32
Kühn, C. (2002): Körper-Sprache. Elemente einer sprachwissenschaftlichen Explikation non-verbaler Kommunikation. Berlin/New York: Peter Lang
Olschanski, R. (2001): Masken und Personen. Zur Wirklichkeit des Darstellens und Verhüllens. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht
Sichtwechsel. Texte und Arbeitsbuch. Mittelstufe Deutsch als Fremdsprache. Band 2. Stuttgart: Klett, 22
Wolf, C. (1983): "Selbstversuch. Traktat zu einem Protokoll". In: Wolf, Christa: Unter den Linden. Berlin/Weimar: Aufbau, 97-133.
Zeh, J. (2004). Spieltrieb. Frankfurt a. M.: Schöffling & Co

